Der letzte Sapiens - 2. Horizont und Subversion
von Rouven Bronk (spinowachs)

 

2.Kapitel

Horizont und Subversion

Auf dem anarchistischen Planeten Anderran waren die Lichter noch nicht ausgegangen. Nach der völlig überhasteten Abreise von Ortas, Schoonas, Zolan und Rhena zur Erde, wurde ein Referendum abgehalten, welches ermitteln sollte, ob die Bevölkerung noch bereit war, an der Technologie der Reisen durch Raum und Zeit festzuhalten. Anlass hierfür war der dokumentierte Mord des Zolan an seine Kollegin Rhena und deren gemeinsam begangene Raubzüge auf der Erde. Der eigentliche Grund für das Referendum waren aber beunruhigende Störungen im Raum-Zeitgefüge des Multiversums. Tatsächlich war das Ergebnis der Befragung eine Zäsur in der Geschichte von Anderran: die überwältigende Mehrheit der Bürger stimmte für den Ausstieg aus der Technologie. Um nicht völlig den anarchistischen Grundgedanken von Freiheit und Mitbestimmung aller Bewohner den Rücken zu kehren, musste dem Plebiszit nun Rechnung getragen werden. Wie dies geschehen sollte und in welchem Umfang und Zeitraum würde in den verschiedenen Räten diskutiert, beschlossen und umgesetzt werden.
Mitten im politischen Umbruch auf Anderran platzte die Heimkehr des einzigen überlebenden Anderraners, der in Begleitung von vier Bewohnern der Erde war. Ausgerechnet Ortas, den man ursprünglich verdächtigt hatte, unverantwortlich und eigenmächtig die Technologie der Zeitreisen benutzt zu haben, kehrte ohne seine anderranischen Begleiter zurück. Das warf zumindest kein gutes Licht auf seine persönliche Integrität, zumal er Order hatte, die Terraner auf die Erde und in ihre Zeit zurückzubringen. Nun, man musste sehen, was Ortas zu sagen hatte und wie sich die vier Terraner verhalten würden. Um nicht ungastlich und unzivilisiert zu erscheinen, beschloss ein Plenum, dass man Ortas und den Reisenden von der Erde trotz der widrigen Umstände einen kleinen Willkommensempfang zu bereiten. Hierbei wurde allerdings das erste Mal der Entscheidung der Anderraner Rechnung getragen, indem man den Ankömmlingen die Multiverser wegnahm und die Geräte an einem geheimen Ort sicherstellte.
>Ich habe noch so viele Fragen an dich< meinte ich zu Ortas, der mich nur schwer zu verstehen schien. Wir befanden uns auf einer Feier im Foyer der Stadtbücherei von Auroville, die aber akustisch auf einem Level war, die Kommunikation nur sehr schwer zuließ. Ortas zog mich am Ärmel meiner Jacke in einen ruhigen Nebenraum. Dort nahmen wir an einem Bildschirm Terminal Platz.
>Die Zeit scheint aus dem Ruder zu laufen, und auch Anderran ist in Gefahr – nicht nur eure Erde< Ortas hatte meine drängendste Frage schon erahnt. Immerhin hatte er vor unserer Expedition ins Jura angedeutet, dass es Krieg geben würde auf der Erde und zwar einen, der den Untergang des Planeten bedeuten könnte.
Ortas fuhr fort: >Eigentlich sind Reisen in die Zukunft nicht möglich. Wir wissen bis heute nicht, was genau geschehen ist. Wahrscheinlich war deine Reise in das...wie hieß das noch...Herzogenrath...fünf Jahre in die Zukunft, die Folge einer Paradoxie im Raum-Zeitgefüge. Es gibt Leute auf Anderran, die können dir das besser erklären als ich<.
>Und was wollt ihr jetzt tun?< fragte ich ihn.
>Das Referendum war ein erster Schritt, obschon ich eigentlich die Freigabe der Geräte auch an euch Terraner befürwortet hatte< gab Ortas zur Antwort.
>Aber wenn die Geräte aus dem Verkehr gezogen werden, die Technologie verschwindet, wie wollt ihr da noch Einfluss nehmen auf das Geschehene?<
>Das weiß ich noch nicht< gestand Ortas zu.
Unterdessen betrat Lesalee den Raum und unterrichtete uns, dass wir bitte zurück ins Foyer kommen mögen, weil eine Rede gehalten würde, die wohl auch für uns von Belang wäre. Bei unserer ersten Ankunft im Foyer glaubte ich noch, meinen Ohren nicht zu trauen, als aus den Lautsprechern „Billy Jean“ von Michael Jackson wummerte, nun aber war es sehr still und nicht minder unangenehm!
Am Mikrofon stand Karvoleis, ein junger Mann, der keiner der anderranischen Fraktionen angehörte.
>Ich heiße alle Anwesenden herzlich willkommen, insbesondere die vier Erdenbürger Tom, Paul, André und Dennis< begann Karvoleis.
Niemand schien aufzufallen, dass im Hintergrund des Foyers einige Leute standen, die bewaffnet waren und sich daran machten, auf die eben noch willkommen geheißenen Menschen loszumarschieren.
>Was geht hier vor?< hörte ich noch Karvoleis ins Mikrofon sprechen, als auch schon die Handschellen klickten. Tom wollte sich mit Gewalt befreien, bekam aber einen heftigen Schlag ins Genick versetzt und brach zusammen. André, Dennis und ich beschlossen aufgrund der robusten Übermacht, keinen aktiven Widerstand zu leisten. Ein lautes Raunen ging durch den Saal, und Karvoleis wurde relativ unsanft vom Mikrofon gedrängt. Es war Malekko vom Ethikrat, der sprach:
>Um noch mehr Schaden vom Volk von Anderran abzuwenden, werden wir die vier Terraner so schnell wie möglich auf ihren Planeten zurückschicken. Bis aber alle Untersuchungen abgeschlossen sein werden...Ruhe bitte...Bitte um Ruhe...< versuchte Malekko die Lautstärke im Raum zu senken >wir werden dafür Sorge tragen, dass die betreffenden Personen – inklusive Ortas – in Sicherheit gebracht werden und nach Beendigung der Untersuchungen werden wir weitersehen<. Malekkos Kollegin Ventia vom Ethikrat fügte hinzu:
>Zolan und Rhena sind beide tot und können nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, ebenso Schoonas, dem wohl nichts vorzuwerfen gilt zum jetzigen Zeitpunkt. Das Ergebnis des Referendums ist eindeutig: Reisen in den Dimensionen werden in naher Zukunft gänzlich eingestellt! Der Ethikrat, und auch die Fraktionen sowie Plena und Räte werden sich an das Votum halten!< endete Ventia.
>Eine Verhaftung von Bürgern von Anderran und Terranern war aber nicht Teil des Plebiszits< hatte sich Torolei von den Blauen, den Gegnern des Zeitreisens, des Mikrofons bemächtigt, aber ihre eigentlich kraftvolle Stimme wurde kaum noch wahr genommen.
Wir wurden aus dem Saal fortgeführt, wobei die Waffen der Anderraner diskret unter ihrer Kleidung verborgen blieben. So hatten wir uns den Empfang auf Anderran nicht gerade vorgestellt; Ortas hatte sich noch für das Verhalten seiner Mitbürger entschuldigt, aber er war ja letztlich genauso gefangen wie wir. Lesalee hatte uns noch bis zu einem Transporthubschrauber begleiten können, musste dann aber mitansehen, wie wir Auroville in Richtung Süden verließen.
>Wohin bringen sie uns?< war die Frage an meinen Bewacher.
Der antwortete tatsächlich und wahrheitsgemäß:
>Auf eine Insel der südlichen Hemisphäre. Sie entspricht in etwa eurem Kreta auf der Erde<
>Danke!< entgegnete ich und meinte es wirklich ernst, denn ich war froh, keinem brutalen selbsternannten Sheriff ausgeliefert zu sein. Der Hubschrauber legte auf einem Flugfeld nahe Auroville einen Zwischenstopp ein, und wir mussten in ein viermotoriges solarbetriebenes Flugzeug umsteigen, welches uns über den Ozean zu der unbekannten anderranischen Insel bringen sollte. Der Innenraum des Fliegers war erstaunlich geräumig, und wir hatten alle genug Platz, um uns einigermaßen frei bewegen zu können. Die Handschellen waren uns inzwischen abgenommen worden, und Tom war nach seinem K.O. -schlag wieder bei vollem Bewusstsein.
>Die scheinen sich ja ziemlich sicher zu fühlen, dass sie uns nur einen Bewacher zur Seite stellen< meinte Tom leise.
>Es ist nicht so, wie es aussieht. Wir nehmen keine Befehle von Leuten entgegen, die das Volk verraten haben!< meinte mein Bewacher, der sich als Valdur vorstellte und Toms Worte gehört hatte.
>Wie ist es dann?< wollte Tom wissen.
>Der Ethikrat will die Macht übernehmen auf unserem Planeten und ihr sollt dabei geopfert werden, aber das lassen wir nicht zu.<
Das hörte sich nicht wirklich gut an, erlaubte aber auch ein Licht zu sehen am Ende des Tunnels.
Valdur fuhr fort:
>Wir haben eigentlich die Order, euch über dem Ozean aus dem Flugzeug zu werfen, aber wir werden euch nach Katenam bringen. Dort werdet ihr einer Kollegin vom ermordeten Schoonas vorgestellt. Alles weitere erfahrt ihr, wenn wir gelandet sind<.
André, der neben mir saß, war blass wie ein Brie Käse, und auch mir ging es nicht sonderlich gut, denn ich hatte wieder diese verdammten Herz-Rhythmusstörungen. Dennis schaute ziemlich fatalistisch drein, und Tom war schlicht und einfach wütend und hatte eine dicke Beule am Hinterkopf.
Auch jetzt konnte ich nicht wirklich glauben, dass wir aus Parallelwelten stammten, wir waren einfach zu verschieden, als dass wir multiversell identische Persönlichkeiten sein sollten. Vielleicht war auch das eine Folge von Paradoxien der Raum-Zeit.
>Ich hatte schon so ein komisches Gefühl, als man uns die Multiverser weggenommen hatte< unterbrach Tom die Stille in der Kabine. Dem Flugzeug fehlten aufgrund des „alternativen“ Antriebs natürlich die lärmenden Verbrennungsmotoren, und so wähnte man sich eher in einem Segelflieger, als in einer kerosinbetriebenen Maschine.
>Ich hoffe, es wird kein Blutvergießen geben< meldete sich nun auch Ortas zu Wort.
>So korrupt, wie der Ethikrat auch ist, seine Mitglieder sind keine Mörder!< antwortete Valdur.
>Da habe ich meine Zweifel, wenn ich an Zolan denke!< entgegnete Ortas.
Valdur schwieg, denn auch er wusste, dass es durchaus Männer und Frauen im Ethikrat und auch den anderen Versammlungen gab, die im Rahmen einer eskalierenden Revolte alles tun würden, was den Prinzipien auf Anderran entgegen lief. Aber er, Valdur war so einer nicht. Der wähnte sich nahe genug an seinen erlernten humanistischen Tugenden, um den Verlockungen von Besitztum, Macht und Gewalt zu widerstehen, so glaubte er zumindest.
>Welcher Fraktion gehörst du denn an, wenn ich einmal fragen darf, und wie ist das mit denen da vorne?< Ortas zeigte auf die beiden Piloten, die nur durch eine Glastür von uns getrennt waren.
>Man muss nicht unbedingt einer Fraktion anhängig sein, um zu wissen, wo es lang geht. Ich war einige Jahre beim Ethikrat, und ich bin heute offiziell dort ausgeschieden< meinte Valdur und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. >Leute wie Zolan und Rhena sind völlig inakzeptable Gestalten, genauso wie Ventia und Malekko, denen wir die aufkommende Gewalt zu verdanken haben. Sie alle sind Teil eines Netzwerks der Subversion, und wir müssen nun fraktionsübergreifend dieses Nest austrocknen!< das war eine klare Ansage, und wir nahmen an, dass auch die beiden Piloten zu den „Guten“ gehörten.
Weil der Flieger eine Transportmaschine war, war der Sitzkomfort nicht besonders gut, und so saßen wir mit dem Rücken zur Bordwand und den Fenstern. Wenn ich mich allerdings nach rechts drehte, dann konnte ich einen Blick erhaschen auf die Wolken, über die wir in recht gemächlichem Tempo hinwegflogen. Zwischen den Wolken war der anderranische Ozean zu erblicken und über uns das tiefe Blau des Himmels von Anderran, dieses Planeten, der drei Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt war. Das Licht dieser Sonne, welches „jetzt“ auf der Erde zu sehen sein würde, wäre schon drei Millionen Jahre alt und würde von einer Zeit künden, als die Anderraner höchstwahrscheinlich - ebenso wie die Vorfahren der Menschen - noch in Höhlen lebten.
Meine „romantischen“ Gedanken wurden unterbrochen, als das Flugzeug in Turbulenzen geriet. André wurde noch käsiger als ein Brie – und genauso still. Als mein Blick auf Ortas fiel, sah ich, wie der etwas gegenüber auf der anderen Sitzreihe zu erblicken schien, das er wiedererkannte: Es war ein Gehstock. Kurz darauf nahm Valdur das Teil in die Hand und meinte:
>Ja, Ortas, das ist der Gehstock von Schoonas, den ich aus seiner Wohnung vor den Plünderern habe retten können<. Valdur stand auf und überreichte Ortas den Stock, den er in Empfang nahm und prüfend betrachtete.
>Seine Wohnung ist geplündert worden?< wollte Ortas wissen,
>Im Zuge der Durchsuchungen der Wohnungen von Zolan und Rhena wurde auch die Wohnung von Schoonas geöffnet. Leider wurden alle drei Wohnungen verwüstet, als klar wurde, dass zumindest Zolan und Rhena sich auf unerhörte Art und Weise bereichert hatten<.
Es schien mir, als würde Valdur die Wahrheit sagen und tatsächlich die Eskalation rund um die Wohnungsdurchsuchungen bedauern.
>Es tut mir leid, was passiert ist< folgte wie zur Bestätigung meiner Wahrnehmung, und Valdur meinte weiter:
>Ich weiß, dass Schoonas ein Freund von dir war, und muss dir leider mitteilen, dass der Stock das einzige Teil ist, welches dem Mob nicht in die Finger geraten ist<.
Ortas nahm den Stock schweigend an sich und korrigierte Valdur:
>Wir waren nicht gerade befreundet, aber ich kannte Schoonas durch Leartas und schätzte ihn als brillanten Analytiker und Redner, und er war gewiss sehr kompetent, was die Thematik rund um Zeitparadoxien anbelangt. Jedenfalls wurde er im Institut sehr respektiert<.
Danach schwieg Ortas, und ich war sicher, das lag auch an seiner Freundin Lesalee, um die er sich Sorgen machte.
Das Flugzeug sackte wieder merklich durch ein Luftloch, und auch ich musste inzwischen blass geworden sein.
>Keine Sorge – das ist immer so auf halbem Weg nach Katenam. Hier sind die Turbulenzen besonders spürbar, aber bisher ist noch immer alles gut gegangen< versuchte Valdur uns zu beruhigen.
Beim nächsten Durchsacken in die Tiefe, hatte aber auch Valdur kein gutes Gefühl mehr. Der Flieger begann einen Sturzflug hinzulegen. Zu allem Überfluss fiel auch noch einer der vier Elektromotoren aus und einige Transportkisten kamen gefährlich ins Rutschen. Wir hatten schon die Wolken durchbrochen und näherten uns immer mehr der Wasseroberfläche dieses endlosen Ozeans. Valdur war aufgestanden und kämpfte sich zu den Piloten durch. Die schienen aber ihr Arbeitsgerät nicht mehr unter Kontrolle zu haben und gaben Valdur zu verstehen, er solle sich gefälligst wieder auf seinen Platz begeben und sich anschnallen. Wenn wir im Wasser landen, ist es wohl besser, dies nun nicht mehr zu tun, dachte ich bei mir. Denn dann heißt es: so schnell wie möglich raus aus der Maschine, um nicht abzusaufen. Ich musste mich wieder an den Tsunami und die Wasserwand erinnern, die uns im Jura beinahe den Tod bedeutet hätte.
Ein Anflug von Panik erreichte mich - doch dann - kurz vor dem Aufschlag, nahm der vierte Motor wieder seinen Dienst auf und die Piloten bekamen die Maschine schließlich wieder in den Griff. Wir segelten vielleicht zehn, zwölf Meter über der Meeresoberfläche dahin. Ich konnte das sanfte Kräuseln der Wellen erkennen, so nahe waren wir am Abgrund!
Dennis, der seit unserer Entführung aus der Bücherei von Auroville kein einziges Wort mehr gesagt hatte, vermeldete ein nur kurzes >Halleluja!<.
>Wohl wahr – preiset den Herrn!< entgegnete ich erleichtert.
>So etwas habe ich noch nie erlebt – kann sein, dass das eine Folge unserer Eingriffe in die Zeitlinien ist< konstatierte Valdur.
>Wetterphänomene als Folge von Zeitreisen?< bemerkte ich ziemlich ungläubig.
>Es ist die Häufung der verschiedensten Phänomene. Viel gravierender als das, was wir gerade erlebt haben, sind Veränderungen im astronomischen Bereich< fügte Valdur an.
>Das musst du uns genauer erklären!< antwortete Tom in ziemlich forschem Ton.
>Wir haben eine Sonne verloren in unserer Nachbargalaxie< entgegnete Valdur
>Eine Sonne verloren?< meldete sich nun André zu Wort >Wie kann man eine Sonne verlieren?! Ich verliere schon mal mein Handy oder mein Portemonnaie, aber eine Sonne?<
>Wir haben wieder Schub< vermeldete einer der Piloten >Alles unter Kontrolle!<
>Als ob wir das nicht gemerkt hätten< fügte ich entnervt hinzu.
>Eine Sonne verloren...< André konnte es nicht fassen.
>P54G3 war ein mittelgroßer Stern in unserer Nachbarschaft, der ohne Hinweis auf eine Supernova oder ein Schwarzes Loch einfach ohne eine Spur von einem auf den anderen Moment verschwand, geradeso, als wenn er nie existent gewesen wäre< führte Valdur aus und ergänzte >Ich bin kein Astrophysiker; Gondvira aber ist eine erfahrene Fachkraft und wird mit euch sprechen. Darüber hinaus ist sie, wie Schoonas einst, bei der Kommission für zeitliche Paradoxien<.
>Eine Sonne verloren< wiederholte André und schaute mich an, als, wenn er sagen wollte, die spinnen, die Römer! In Anlehnung an die Comics mit Asterix und Obelix.
>Du scheinst übrigens eine ganze Reihe Fürsprecher zu haben, Ortas< setzte Valdur die Kommunikation mit Ortas fort.
>Wie meinst du das?< wollte er wissen.
>Ebenso wie Zolan und Rhena bist auch du sehr viel auf Reisen gewesen, aber deine Wohnung blieb unangetastet< es war klar, worauf Valdur anspielte, und Ortas schnaubte vor Wut, als er aufstand und auf Valdur zuschritt. Tom hatte das mitbekommen und packte Ortas am Arm, der tatsächlich innehielt.
>Ich bin auf deiner Seite Ortas! Ich weiß, dass du unschuldig bist. Leartas verbürgt sich für dich, und ich schätze Leartas als großartigen Philosophen und Humanisten. Es tut mir leid, wenn ich missverständlich rüber gekommen bin< entschuldigte sich Valdur.
>Das bist du allerdings! Und ich versichere dir weiter, ich habe mich weder auf meinen Reisen bereichert, noch habe ich jemanden ermordet< entgegnete Ortas.
Nun fühlte sich Tom etwas brüskiert und meinte zu Ortas:
>Ich hoffe, das war keine Anspielung auf meine Notwehrhandlung und den Tod von Zolan<
>Nein, natürlich nicht! Ich dachte dabei eher an den Mörder Zolan, der immerhin Rhena kaltblütig erschossen hat und höchstwahrscheinlich für das Verschwinden von Schoonas verantwortlich ist< entgegnete Ortas nun etwas ruhiger und begab sich wieder auf seinen Platz.
Ich hatte immer mehr Zweifel, ob das mit uns gut gehen würde. Da waren doch erhebliche Spannungen zu verzeichnen und viel Misstrauen vorhanden. Im Jura hatten wir vier gerade damit begonnen, einander besser zu verstehen, vor allem hatten Tom und ich inzwischen ein besseres Verhältnis, aber im Zusammenspiel mit Ortas und den aktuellen politischen Entwicklungen auf dem Planeten der Anderraner, schien ein Zusammenarbeiten sehr schwierig.
Ganz langsam begann das Flugzeug wieder an Höhe zu gewinnen. Dies war ein Solarflieger mit enorm starken Akkus an Bord, aber natürlich erbrachten diese nicht ganz die Schubkraft wie eine Maschine, deren Motoren auf der Basis der Verbrennung fossiler Energieträger funktionierten. Aber immerhin, wir steigen wieder, dachte ich, schaute aus dem Fenster und erblickte eine Welt, die mir so nahe schien, wie die Erde mir fern war. Ich wurde ziemlich melancholisch.


Man hatte in Auroville die Bücherei in Brand gesetzt. Die Vermutung wurde geäußert, dass es jemand war, der die Brandstiftung dem Ethikrat in die Schuhe schieben wollte, vielleicht war es jemand von Toroleis Leuten, hörte man hinter vorgehaltener Hand. Manche sahen in Torolei von den Blauen eine Demagogin, der so einiges zuzutrauen war. Im Laufe des Brandes fielen auch die ersten Schüsse. Ein Bürgerkrieg, so schien es, war auf Anderran unausweichlich. Schließlich erschoss jemand vom Ethikrat einen Sprecher der Fraktionslosen. Blaue und Gelbe beschlossen, den Ethikrat abzusetzen und endgültig aufzulösen. Eine neue „Anarchistische Plattform“ sollte an die Stelle des Ethikrates sowie der Fraktionen treten. Torolei und Lesalee, die eigentlich politische Gegnerinnen waren, hatten den Konsens über die Auflösung des Ethikrats in die Wege geleitet und auch die Fraktionslosen um Leartas mit ins Boot geholt. Auch wenn ihr Schritt nicht gerade den üblichen anarchistischen und auch demokratischen Richtlinien entsprach, so waren sie sich doch sicher, dass die besondere Situation schnelle Entscheidungen bedurfte. Man konnte jetzt keine globale Abstimmung über die Annullierung eines Rates anberaumen, während der Mob die Stadt verwüstete.
Die zwei Frauen befanden sich in einer der oberen Wohnungen im gleichen Spiralarm E, in dem sich auch die Bücherei befand. Vom Brandherd waren sie aber einen guten Kilometer entfernt und schauten nun vom Balkon der Wohnung auf die allmählich eingedämmte Feuersbrunst. Sie konnten von ihrem Standort aus beobachten, wie sich die Feuerwehren erfolgreich bemühten, eine Ausbreitung auf den gesamten Spiralarm zu verhindern.
>Das ist ein trauriger Tag für Anderran< seufzte Lesalee.
Torolei war nicht ganz so deprimiert und erwiderte:
>Immerhin haben wir die Feuer unter Kontrolle. Und wenn unsere neue Plattform zusammentritt, dann können wir auch mit den politischen Aufräumarbeiten beginnen<
Leartas, der im Wohnzimmer verweilte und einige Schriftstücke sortierte, trat nun zu den beiden Frauen auf den Balkon:
>Wie ihr wisst bin ich kein Freund der These „Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden“. Tief im Herzen verabscheue ich jede Form der Gewalt, denn sie macht uns gemein mit einem alles verschlingenden Schwarzen Loch, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Dennoch habe ich schweren Herzens beschlossen, mich dafür einzusetzen, die Waffenkammern öffnen zu lassen, damit sich unsere Freunde entsprechend verteidigen können und – die Mitglieder des Ethikrates zu internieren<.
Lesalee und Torolei schauten zuerst sich gegenseitig an, als ob sie eine Bestätigung für das Gehörte suchen würden im Gesicht der anderen, dann meinte Lesalee in Richtung Leartas:
>Chales – das Schwert der Anarchie, woher weiß er, wo die Waffenkammern sich befinden?<
Leartas ließ sich seinen Unmut über diesen unsäglichen Namenszusatz und die Anrede in der 3. Person nicht anmerken und antwortete völlig gelassen:
>Die Liste, die Auskunft gibt über die Zeitreisen der letzten drei Jahre, ist eine Liste mit ungeheurem Potenzial<.
>Du meinst bestimmt die Liste, die uns Zolan so bereitwillig übergeben hatte< Lesalee fiel ein, wie sie Ortas die Liste zum Abschied auf seinen Kommunikator überspielt hatte.
>So ist es. Dieser Liste liegt ein Geheimcode zugrunde, den ich entziffert habe. Das Dokument gibt nach Entschlüsselung neben den Orten mit den Waffenkammern auch Aufschluss über die kriminellen Machenschaften des Ethikrates. Dieser ist in der Tat in den letzten Jahren ein Apparat der Macht und Subversion geworden, den wir unbedingt zerschlagen müssen<.
Wer Leartas kannte, wusste, dass er es ernst meinte.
>Ich werde alle informieren, denen wir vertrauen können und uns alsbald in Bewegung setzen< erwiderte Torolei, die natürlich als Protagonistin der Blauen sich bestätigt sah, dass die Nachteile der Zeitreisen bei weitem die Vorteile übertrafen. Schlimmer noch: die Zeitreisen waren der Auslöser für Raub und Mord und drohten nun die Gesellschaft und den Zusammenhalt zu zerstören.
>Ich zeige dir auf einer Karte, wo sich die Waffen Depots befinden. Du verstehst, dass ich dir keine Liste aushändige mit den Adressdaten< gab Leartas ziemlich unmissverständlich zu verstehen.
>Ja, natürlich< war die Antwort, und Torolei begab sich an ein gesichertes Terminal, um die Vertrauten, vor allem Sebana von den Fraktionslosen, zu informieren und ein Treffen auszumachen, um einen Plan zu entwickeln, wie man am Besten den Ethikrat zu „enthaupten“ hatte und deren Mitglieder aus Auroville auszufliegen.
Leartas trat ebenfalls in den Raum zurück und genehmigte sich – völlig gegen seine Gewohnheiten – ein leicht berauschendes Getränk mit Eis darin. In seinem langen Bart sammelte sich ein Teil des Schaums, den das Getränk gekrönt hatte.
Was die Gruppe um Torolei nicht wusste: das Netzwerk um Malekko und den Ethikrat hatte bereits damit begonnen, drei der fünf Waffen Depots auf dem Inselkontinent Kongress gegen einen Angriff zu sichern. Das größte der Depots befand sich etwa 150 Kilometer außerhalb von Auroville in einer menschenleeren Gegend, die einer Macchie ähnlichen Vegetationszone glich, die fast ausschließlich von niedrig wachsenden Pflanzen besiedelt wurde. Die Waffen, die dort in einem unterirdischen Bunker gelagert wurden, entsprachen am ehesten kleinkalibrigen Gewehrtypen, wie man sie von der Erde kennt, aber absolut ausreichend, um dreitausend Männer und Frauen damit ausrüsten zu können. Die Depots wurden einst angelegt mit der Begründung, für den Fall eines temporären Angriffs von Aliens entsprechend sich verteidigen zu können. So richtig hatte diese Aussage wohl niemand ernst genommen, aber auf die komplette Vernichtung der Waffenarsenale auf Anderran wurde letzten Endes politisch nicht zielgerichtet hingearbeitet. Heute würde sich dieser Umstand womöglich rächen, wenn die Situation weiter eskalieren sollte.
Für eine totale Abrüstung war es nun zu spät. Die pazifistischen Botschaften und ehrenhaften Moralkodexe hatten zwar eine auf dem Solidarprinzip beruhende Zivilgesellschaft hervorgebracht, aber diese würde wohl bei einem außer Kontrolle geratenen Bürgerkrieg unter die Räder geraten. Was dann am Ende stehen würde, konnte niemand wissen, und Zeitreisen in die Zukunft hatten mit den Multiversern bisher nicht wirklich funktioniert. Die „Abstecher“ von Paul und Ortas waren Ausnahmen, die niemand auf der Rechnung hatte, die aber durchaus geeignet waren, das Gefüge des Multiversum vollends zu sprengen.



>Du bist ja ein richtiger Widerling!< meinte Assagog.
>Wieso denn das?< antwortete Malekko und lud eines der Gewehre.
>Dein letzter Auftritt im Plenum – ich erkenn dich gar nicht wieder<. Assagog war durch und durch ein Materialist und umgab sich gerne mit schönen Dingen von der Erde, so wie es Zolan und Rhena getan hatten. Von den beiden hatte er auch einen inzwischen recht ansehnlichen Bestand an Kunstwerken und Artefakten aus den verschiedensten Epochen der Erde angehäuft, und damit ließ sich hervorragend handeln und Macht und Einfluss ausüben.
Assagog war es auch, der sich mit dem Vorschlag durchgesetzt hatte, die vier Erdlinge samt des „Verräters“ Ortas einfach über dem Meer aus dem Flugzeug zu werfen.
>Also, erstens bin ich nicht so widerlich wie du und zweitens bin ich auch klüger, denn ich weiß im Gegensatz zu dir, die Institutionen der Anarchie zu meinem Vorteil zu nutzen, ohne dabei Gewalt anzuwenden< Malekko hatte das Gewehr inzwischen geladen und zielte damit auf Assagog.
>Huh, jetzt hast du es mir aber gegeben, willst du mich jetzt erschießen?< Assagog schien keine Angst zu haben und war mit dieser Eigenschaft der nahezu perfekte Soldat.
Wortlos legte Malekko das Gewehr wieder in die Kiste zurück, worin sich weitere Waffen mit samt Munition befanden.
Der Bunker in der Macchie vor den Toren von Auroville war mit etwa zwanzig Leuten besetzt, und man erwartete gerade hier einen Angriff, weil es das Hauptlager mit den meisten Waffen war. Zwei der fünf Depots auf Kongress konnten vom „Netzwerk“ nicht gesichert werden, weil sie sich in der Hand von unabhängigen Kräften befanden, die sich nicht hatten korrumpieren lassen – allen Versuchen zum Trotz!


Die Reise schien kein Ende zu nehmen. Nur sehr langsam segelte der Flieger gen Süden. Die Sonne von Anderran begann schon hinter dem Horizont zu verschwinden, und der Copilot schaltete komplett auf Batteriebetrieb um, weil die Solarzellen auf den Tragflächen nun keinen Strom mehr erzeugen konnten.
>Wie weit ist es noch bis Katenam?< wollte Tom von Valdur wissen.
In diesem Moment nahm der Copilot seine Kopfhörer ab, öffnete die Kabinentür und betrat den Frachtraum.
>Noch etwas eine Stunde< entgegnete Valdur, während der Copilot an Valdur herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
So habe ich mir einen anarchistischen Planeten nicht vorgestellt, dachte ich bei mir. Unsere Verhaftung während einer Willkommensfeier, ein Bewacher, der sich als Widerständler outet und dann jetzt diese Geheimniskrämerei. Mir gefiel das alles ganz und gar nicht. Und wenn ich in den Gesichtern meiner Mitreisenden las, dann konnte ich ähnliche Gedanken erkennen.
>Ich habe leider beunruhigende Nachrichten< begann Valdur zu sprechen.
>In der Nähe von Auroville hat es eine wilde Schießerei gegeben. Es ist noch unklar, ob das Waffendepot eingenommen werden konnte oder nicht<.
Nun schaltete sich auch Ortas ein, der sehr beunruhigt und auch irritiert war.
>Die Waffenlager unserer Welt unterstehen einer völlig neutralen Kontrollinstanz. Wer beschließt da, welches Waffenlager einzunehmen?<
>Der Ethikrat hat die Räte und Institutionen von Anderran unterwandert; maßgebliche Leute wollen einen anderen Staat, sie wollen den Umsturz! Das werden wir verhindern< entgegnete Valdur mit energischer Stimme.
>Um euch zu beruhigen< setzte Valdur erneut an >auf Katenam hat es bisher keine Zwischenfälle gegeben. Der Flughafen und auch das Observatorium im Zentrum der Insel sind völlig sicher. Gondvira freut sich schon, euch begrüßen zu dürfen<.
Na, das war doch mal eine gute Nachricht – wenn, ja wenn nicht wieder eine böse Überraschung auf uns warten würde. Der Copilot bedeutete Ortas, er möge ihm ins Cockpit folgen, was Ortas auch tat. Beide verschwanden in der Kanzel, die nun sehr beengt war, denn dies war kein Großraumflieger, wie jene, die eine komplette Umrundung des Planeten vornehmen konnten, ohne dabei auch nur eine Zwischenlandung einzulegen. Dieser Solarflieger eignete sich eher für Mittelstreckenflüge und hatte sehr häufig Agrarprodukte an Bord. Die wenigen Container und Paletten, die heute an Bord waren, brachten die begehrten Aranka Produkte nach Katenam und luden im Gegenzug Öle und Molkereiprodukte, um sie nach Kongress zu transportieren. Katenam war berühmt für seinen Käse und sein Öl, welches aus den Früchten der überall auf der Insel anzutreffenden Ölbäume gewonnen wurde. Über viele Generationen hinweg wurde ein sorgsam ausgebautes Handelssystem gepflegt, das den klimatischen Bedingungen auf den jeweiligen Inseln und den tatsächlichen Bedürfnissen der Bewohner Anderrans Rechnung trug. Eine hervorragende Effizienz beim Anbau und Transport, sowie eine niederschwellige Konsumbereitschaft, die darauf abzielte, die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und nicht künstlich zu erzeugen, garantierte eine bis dahin kaum messbare ökologische Belastung der Umwelt und Zufriedenheit der Anderraner, da diese keine Gefangenen einer nicht enden wollenden Spirale waren, die nach immer mehr Wachstum und Besitztum hechelten.
Ortas hatte wieder den Frachtraum betreten und setzte sich zu uns. Ich schaute ihn fragend an. Auch Tom wollte wissen, was los war.
>Ich habe mit einer Bekannten von Lesalee gesprochen. Sie ist tatsächlich in diese Schießerei involviert, die um das Waffenlager bei Auroville stattfindet oder schon stattgefunden hat. Genaue Nachrichten sind derzeit nicht zu erhalten. Aber so viel ist klar: der Ethikrat soll entmachtet und seine Mitglieder interniert werden.< gab uns Ortas zu verstehen.
>Eigentlich verständlich – die Sache mit dem Ethikrat< meinte André, und Dennis pflichtete ihm bei.
Ortas enthielt sich eines weiteren Kommentars und betrachtete mit sorgenvoller Mine den Stock von Schoonas. Inzwischen war es dunkel geworden, und die beiden Piloten konnten die Leuchtfeuer des Flughafens erkennen. Der Schub wurde gedrosselt, und das Fahrwerk ausgefahren, die Landung eingeleitet.
Als das Flugzeug die Piste berührte, tauchten rechts und links Baracken auf. Es waren alte Behausungen aus einer längst vergangenen Zeit. Manche aber waren profane Steinbauten, die erst vor kurzem neu errichtet worden waren: Sie sollten demnächst als Unterkunft für die Internierten dienen; auch die selbsternannten Führer der Konterrevolution sollten hier eingesperrt werden, vor allem Malekko, der letzte Wortführer des Ethikrats.
Die Piste des Flughafens war gut ausgebaut, der Asphalt war trocken, kein Wind behinderte die Landung und an einem kleinen Tower kam der Flieger zum stehen. Die Luke des Frachtraums wurde geöffnet und wir konnten die Maschine verlassen. Ein Elektromobil wartete bereits auf uns. Valdur und die beiden Piloten blieben am Flugplatz zurück. Als wir Platz genommen hatten, setzte sich das E-Mobil in Bewegung und fuhr eine staubige Straße entlang vom Flughafen weg. Ein paar Kilometer weiter folgte eine Anfahrt auf einen Serpentinenweg hinauf auf den Berg, auf dem sich das Observatorium von Katenam befand. Angekommen am Teleskop und dem dazugehörigen astronomischen Institut stiegen wir aus und wurden am Eingang des Hauptgebäudes von einer Frau mit lila Irokesenfrisur empfangen, die sich als Gondvira vorstellte und uns begrüßte.
>Ich möchte ihnen etwas zeigen, kommen sie bitte mit< lud uns Gondvira mit freundlicher Stimme ein, ihr hinauf in den Raum zu folgen, von wo aus man die Himmelsbeobachtungen vornehmen konnte.
>Möchten sie durch das Okular schauen oder die Bilder über einen Monitor betrachten?<
Ich zog einen direkten Blick ins Universum vor und traute meinen Augen nicht! Ich erkannte die Erde, völlig unzweifelhaft, vielleicht ein wenig verschwommen, aber deutlich zu erkennen war der kontinentale Umriss von Afrika und ein Teil Europas. Deutschland und Benelux lagen unter Wolken verborgen, ganz bestimmt ein atlantischer Tiefausläufer, der Regen brachte, vor allem in Aachen, dachte ich, und mir wurde das erste mal gewahr, dass ich bisher von Anderran einen bisher sehr „trockenen“ Eindruck bekommen hatte. Eine eher mediterrane Flora schien hier vorzuherrschen mit sehr geringen Niederschlagsmengen.
>Das ist ihr Heimatplanet, drei Millionen Lichtjahre entfernt von Anderran. Ihr Staat existiert zu dieser Zeit noch nicht. Es ist eben eine alte, sehr alte Projektion< meinte Gondvira, und André stieß mir seinen Ellbogen in die Seite, um unmissverständlich anzudeuten, ihm auch einmal das Fernrohr zu überlassen.
>Ist ja nicht zu fassen!< André rieb sich die Augen und setzte erneut zu einem Blick an. Die anderen standen um das gewaltige Teleskop herum, und jeder wollte natürlich „seine“ Erde sehen.
>Bist du ihr Führer?< entwich es Gondvira ziemlich geradeaus und für mich eher peinlich.
>Oh mein Gott, nein, was für eine Frage< gab ich zur Antwort.
Gondvira trat einen Schritt zurück und meinte:
>Oh, ich dachte, auf eurem Planeten gebe es immer Führer und Gefolgsleute<.
>Ganz so ist es nicht, und bei uns hier< ich zeigte auf meine Gefährten >ist es noch mal was anderes<.
>Scheint wohl etwas komplizierter zu sein, als ich dachte< murmelte Gondvira und rieb sich nachdenklich das Kinn.
Während wir abwechselnd das Bild der Erde von vor drei Millionen Jahren beobachteten, hatten drei Kollegen von Gondvira den Raum betreten. Eine junge Frau, um die zwanzig Jahre, stellte einen Klapptisch auf. Ein junger Mann, ähnlichen Alters, brachte Getränke und etwas zu essen. Stühle wurden an den Tisch gerückt und Gondvira stellte ihre Kollegen als studentische Mitarbeiter des Instituts für Astrophysik vor:
>Orestes, Lira und Charkas< und deutete auf drei Leute, die rein äußerlich eher Punks aus den frühen 80er Jahren der Erde glichen als außerirdischen Astronomen, nur waren sie weder exaltiert, noch berauschten sie ihr Gemüt mit deprimierenden Weltuntergangs Szenarien. Obschon, so dachte ich weiter, hätten wir an diesem Abend allen Grund gehabt, eine No Future Platte aufzulegen, denn die Aussichten für das Universum - oder eher: das Multiversum - waren nicht allzu rosig.
>Hätte nie gedacht, einen Außeranderraner zu treffen< meinte Lira zu mir, die äußerst charmant und völlig unaufdringlich war. Dabei wirkte sie auf mich total vertraut, ja, beinahe wesensverwandt. Nach der Erdbeobachtung, nun der zweite Hammer, dachte ich. Da reise ich drei Millionen Lichtjahre durchs All und treffe eine Frau, von der ich glaubte, sie schon immer gekannt zu haben. Ich behielt meine Gedanken für mich und plauderte mit Lira über die Stadt, aus der ich kam, und dem Land und dem Globus und die Zeit, in die ich vielleicht nie zurückkehren würde. Auch Lira schien mir zugetan zu sein, denn sie war völlig unverkrampft und redete in einem Ton, der völlige Nähe suggerierte, keine Angst besaß und unendlich viel Vertrauen verhieß. Eine Woge der grenzenlosen Zuneigung und Zärtlichkeit hatte von mir Besitz ergriffen, und ich war froh, als André meine überbordende Emotionskette durchbrach. Mir waren meine Gefühle nicht ganz geheuer und ich wollte mich nicht davon überwältigen lassen. Das war typisch für einen Menschen, der immer die Kontrolle behalten will. Meine Therapeuten hatten Recht: Es waren die zwei Seiten einer Medaille, während mich die Kontrolle davor bewahrte, wieder süchtig zu werden, verlor mein Leben an manchen Stellen seine Qualität aufgrund von zu viel Kontrolle.
>Gondvira will mit uns reden< ich nahm einen Schluck aus dem Glas mit der Limonade, oder was auch immer das war; es schmeckte jedenfalls außergewöhnlich gut und erfrischend und wir verschwanden allesamt in einem Nebenraum mit einer recht großen Projektionsfläche an der Wand. Gondvira zeigte auf die Insel, die sie Kreta nannte und tatsächlich Kreta war.
>Dort müsst ihr hin und zwar ins Jahr 1623 vor Christi Geburt. Zu diesem Zeitpunkt ist erstmals ein Artefakt der Aliens lokalisiert worden, welches wir als Multiverser bezeichnen. Es befindet sich im Palast von Knossos. Wir sind uns sicher, dass die Probleme im Raum-Zeit Kontinuum dort ihren Anfang fanden. Inzwischen hat ein Plenum in Auroville beschlossen, dass ihr auf das Kreta der Erde reisen dürft.
Steht noch die Frage an, wer an der Reise teilnehmen wird. Ihr werdet Kommunikatoren und einen Multiverser erhalten, mit dem ihr das Artefakt lokalisieren könnt.
Allerdings ist die Zeit nicht auf den Tag genau zu bestimmen, wann das Artefakt das erste Mal in Knossos aufgetaucht ist. Vielleicht müsst ihr ein Weilchen auf der Insel ausharren<. Gondvira hatte geendet und es dauerte eine Weile, bis Ortas das Wort ergriff:
>Es scheint mir nicht ganz ersichtlich, warum die Terraner auf diese Reise gehen sollen, schließlich haben wir mit den Multiversern unter Umständen die Existenz des Weltalls aufs Spiel gesetzt< womit Ortas nicht ganz Unrecht hatte. Allerdings meinte Gondvira einschränkend:
>Da gebe ich dir Recht, Ortas. Nur ist die Erde nicht unser Planet, und die Aliens, die uns die Technologie der „Reisen über alle Grenzen hinweg“ beschert haben, haben sich ja ganz offensichtlich auch für die Erdlinge interessiert, also ist es streng genommen auch ihre Aufgabe, sich an dieser Arbeit zu beteiligen<.
Dennis, der sich bislang sehr unauffällig im Hintergrund aufhielt, meinte zu Tom:
>Das wäre doch ein Auftrag, wie geschaffen für dich, lieber Tom, oder?!<
Tom zierte sich zuerst ein wenig, gestand sich dann aber doch ein, dass sein Berufsethos es nicht zuließe, vor dieser Herausforderung zu kneifen. Ich war froh, dass er Haltung zeigte, denn ich wollte keinesfalls alleine mit André „da raus“, denn wir brauchten jemanden, der ziemlich unerschrocken die Dinge anpackte; er besaß ein hervorragendes Nervenkostüm, denn das hatte er im Jura der Erde zu genüge bewiesen. Gerade als ich so dankbar über diese Entwicklung der Dinge war, konnte ich aus den Augenwinkeln beobachten, wie Lira durch den Raum schlich in ihrer schwarzen, engen Satinhose, die eine äußerst schlanke Figur offenbarte. Für eine Anderranerin war sie eher zierlich gebaut, hatte ein schmales Gesicht und einen schmalen Mund, der zwei makellose weiße Zahnreihen zeigte. Ihr Lächeln wirkte eher mädchenhaft verspielt, aber hinter dieser Äußerlichkeit verbarg sich eine immens erwachsene Beharrlichkeit im Denken und Handeln. Wenn sie sprach, dann kommunizierte alles in ihrem Gesicht, der Mund harmonierte mit den braunen Augen auf eine Art und Weise, wie ich es noch nie erlebt hatte. Eine perfekte Balance der Ausstrahlung: Augen, Augenbrauen, der Lidschlag, die Nase und der Mund mit den schmalen Lippen offenbarte eine Grazie mit Herz, Hirn und Humor. Ihre jungenhafte schwarze Kurzhaarfrisur verlieh ihr das gewisse Extra, was ein wenig androgyn auf mich wirkte. Vielleicht ist sie ja die kleine Halbschwester von David Bowie, dachte ich, und verscheuchte den Gedanken schnell wieder, denn was mich eher beschäftigte, war der schwarz-weiß Kontrast in ihrem Outfit. Dabei musste ich an die aktuelle politische Situation auf diesem Planeten denken, denn mir schien, dass sich hier zwei Blöcke gegenüberstanden: Zum einen die, die die reine Anarchie retten wollten und denen, die an den vermeintlichen Segnungen anderer Welten partizipieren wollten. So schien es mir jedenfalls, bei den, leider bisher, wenigen Informationen, die ich mitbekommen hatte über diese Welt und deren momentanen Zustand.
>Ich habe gesehen, wie gut dir unsere Getränke schmecken< lächelte Lira mich an und reichte mir eine von den Limonaden. Sie war bezaubernd in ihrer Aufmerksamkeit und ich drohte im Boden zu versinken. Mich hatte es voll erwischt!
>Oh, danke dir, das ist sehr nett<. Mehr hatte ich nicht zu bieten an Worten.
Sie griff in eine ihrer Seitentaschen ihrer schwarz-weißen Lederjacke und entnahm ihr etwas, was aussah wie ein Medaillon.
>Ich möchte dir das hier geben, wenn du nach Kreta aufbrichst< und streckte mir die Kette mit einem Anhänger entgegen.
>Hey, Moment, ich habe noch gar nicht zugesagt, mich auf diese Reise zu begeben< ich war auf einmal hellwach.
>Doch, ich habe es in deinen Augen gelesen – Paul. Ich weiß, dass du gehst und ich würde gerne mit dir kommen auf die Erde, aber ich denke, dass ich hier nicht fort komme<. Lira seufzte ein wenig und ich glaubte, eine Träne in ihrem linken Auge zu erkennen.
Während sich das Thema Anarchie für mich total entzaubert hatte, begann der weibliche Zauber, den diese Frau auf mich ausübte, gerade erst zu wirken. Ich nahm die Kette dankend an und Lira hängte sie mit ihren grazilen Fingern um meinen Hals. Das etwa drei Zentimeter große Medaillon zeigte ein A mit einem Kreis darum. Das kannte ich von der Erde und stand für „Anarchie“.

Gondvira hatte uns eingeladen, Platz zu nehmen an dem Tisch, den die jungen Studenten aufgebaut hatten. Wir aßen und tranken etwas zusammen, redeten über die Erde und Anderran und ich hörte erstmals von der vermuteten Verwandtschaft zwischen Anderranern und Terranern. Das war das zweite aktuelle Thema, welches so brisant war in der Auseinandersetzung auf diesem Planeten und vor allem in Auroville, dem Zentrum des Inselkontinents Kongress. Ortas hatte inzwischen mit seiner Freundin über seinem Kommunikator Kontakt gehabt. Sie und auch Torolei waren unverletzt und der Angriff auf das Waffenlager des Ethikrates war erfolgreich verlaufen. Allerdings hatte es Tote gegeben – auf beiden Seiten. Drei der fünf Waffenlager befanden sich nun in Händen derer, die den Ethikrat absetzen und schließlich auch das Plebiszit über die Beendigung der Multiverser Technologie umsetzen wollten.
Die Zeit war inzwischen sehr fortgeschritten und ich hatte Probleme, der regen Konversation am Tisch zu folgen. Schließlich war ich froh, als Gondvira uns Quartiere zuwies, die sich in einem Nachbargebäude des Observatoriums befanden. Dort waren auch die Studenten untergebracht, natürlich auch Lira. Ich hatte eine Unterkunft in einem Zweibettzimmer mit meinem Freund André. Wir unterhielten uns noch ein wenig über den vergangen Tag, aber ich dachte eigentlich nur an Lira. Wenn man auf der Erde wüsste, was sich da wieder bei mir anbahnte, hätte man sich bestimmt das Maul darüber zerrissen, wie groß doch der Altersunterschied zwischen uns ist; ich könne ja der Vater von dieser Frau sein, und dann auch noch eine Außerirdische! Ich schlief sehr unruhig in dieser Nacht, aber das lag wohl auch an der Tatsache, dass ich ziemlich aufgeregt war wegen der bevorstehenden Reise nach Kreta. Ich war zwar nicht wirklich ein Abenteurer, aber immer sehr interessiert und absolut neugierig. Meinen Blick ausschließlich auf den Teller vor mir zu fokussieren, kam für mich nicht infrage. Ich schaute über den Tellerrand hinaus auf den Tisch und unter ihn und ließ meinen Blick durch die Küche schweifen, durch alle weiteren Zimmer des Hauses, um es schließlich zu verlassen und hinauszutreten, um mich dem Himmel über mir zu öffnen. So empfand ich es und so war meine Art zu denken und zu handeln. Ich war keinesfalls ein Stubenhocker, der schicksalsgläubig in den Tag hinein lebte. Also war ich doch ein Abenteurer.

Am nächsten Morgen stand Valdur im Garten unterhalb des Observatoriums. Er hatte Tags zuvor noch eine Kappe getragen und ich hatte daher nicht sehen können, dass er langes dunkles Haar trug. Er erinnerte mich an einen in die Jahre gekommenen Hippie mit seiner langen Mähne und der Holzkette um seinen Hals. Was für eine Wandlung, vom vorgeblichen Bewacher internierter Erdlinge über einen Widerstandskämpfer zu einem „Love and Peace Idealisten“, der nun auch noch die Äcker auf Katenam bestellte!
>Moin, Valdur!< begrüßte ich ihn freundlich, obschon ich mich eines Misstrauens ihm gegenüber nicht komplett erwehren konnte.
>Guten Morgen Paul!< kam es prompt zurück. Valdur legte den Spaten zur Seite, um mich per Handschlag zu begrüßen. >Wie war es gestern Abend, alle Fragen soweit geklärt?< wollte er wissen.
>Beileibe nicht, Valdur. Da ist noch einiges offen. Ich bin auf dem Weg zu Gondvira und den anderen< tatsächlich hatten wir vereinbart, uns an diesem Morgen erneut im Observatorium zu treffen und da wollte ich jetzt hin.
>Da will ich dich nicht weiter aufhalten< verabschiedete sich der „Hippie“ von mir.
Im Nebenraum des Teleskops, wo wir am Abend zuvor eine Projektion von Kreta gesehen hatten, saßen schon die anderen und warteten auf mich.
>Tut mir leid, ich komme sonst nie zu spät, ich bin eigentlich berüchtigt für meine Pünktlichkeit< entschuldigte ich mich für die Unhöflichkeit.
Ich konnte sehen, wie ein Lächeln Liras Gesicht verzauberte. Der Tag war gerettet!
>Macht nichts< meinte Gondvira >Die Anarchie wird bestimmt nicht an Unpünktlichkeit zugrunde gehen<. Besonders charmant klang das nicht. Gondvira hatte darüber hinaus ihren Kamm „verloren“, sie trug jetzt ihre lila Frisur streng nach hinten gebürstet.
>Wie ich sehe, haben wir noch einen Gast< Gondvira winkte Valdur herein, der gerade die Tür geöffnet hatte.
>Ich dachte, ich nehme heute mal an einem Plenum teil< sagte Valdur und setzte sich auf einen der Stühle.
>Es ist eigentlich kein formelles Plenum, aber du bist natürlich trotzdem willkommen< erwiderte Gondvira. Im folgenden stellte Gondvira Valdur als Hausmeister und „gute Seele“ des Observatoriums vor. Er war eigentlich ein Allroundtalent, der sogar etwas von der Technik und Elektronik des Teleskops verstand und die Studenten diesbezüglich gerne unterwies.
>Ich möchte mich heute morgen bei unseren Besuchern von der Erde entschuldigen< begann nun Gondvira sehr offiziell und förmlich zu werden. >Natürlich muss niemand von euch diese Reise in die Vergangenheit der Erde antreten. Es ist mir durchaus ein Anliegen, welches mir am Herzen liegt, dass auch Erdenbürger an dieser Expedition teilnehmen, aber das soll keine Verpflichtung sein. Ich distanziere mich nachdrücklich von Formulierungen und auch Forderungen, die gerade vonseiten des Ethikrates in letzter Zeit benutzt wurden, um Macht zu gewinnen, auszuüben und zu missbrauchen<. Gondvira hatte geendet und schaute sehr eindringlich in die Augen von jedem von uns, die wir von der Erde kamen. Ich war hocherfreut über die Lauterkeit und Empathie dieser Frau und das machte sie für mich sehr sympathisch.
>Warum reisen wir eigentlich nicht in die Zukunft, um zu sehen, ob alles seine Richtigkeit mit dem Universum hat?< Tom hatte den Nagel auf den Kopf getroffen und seine direkte Art der Konfrontation gefiel mir immer besser. Gondvira würde an diesem Morgen bestimmt noch die eine oder andere Frage beantworten müssen, bevor wir uns auf eine völlig ungewisse Reise begeben würden.
>Der Multiverser ist ein unglaublich komplexes Gerät, welches wir bis heute nicht ganz verstehen. Die Bedienung ist zwar teilweise recht einfach, aber über die Funktionsweise kann eigentlich nur spekuliert werden. So viel ist klar: Zeit vergeht in Relation und Abhängigkeit zur Gravitation. Schwarze Löcher gehören zu den massereichsten Objekten mit der stärksten Gravitation im Weltall; keine Zivilisation wäre in der Lage, quasi aus dem Nichts beispielsweise ein super massereiches Schwarzes Loch zu erzeugen. Aber es sind genau diese enormen Energien erforderlich, um im Weltraum Spalten zu öffnen oder Wurmlöcher zu etablieren. Die Technologie der Multiverser öffnet diese Spalten und ermöglicht es uns, Abkürzungen durch den Weltraum zu nehmen und so auch in die Vergangenheit zu reisen. Allerdings muss hierfür eine ganz bestimmte Energiedichte vorhanden sein, die nicht immer bereit steht und so kann es für die Reisenden zu einer Wartezeit kommen, bis sich ein Portal öffnen lässt. Aus diesem Grund können wir euch auch jetzt noch nicht nach Kreta schicken. Aber zu deiner Frage, Tom, die Zukunft betreffend: wie auch nach euren physikalischen Prinzipien sind Reisen in die Zukunft eigentlich unmöglich, eigentlich<.
>Aber ich bin definitiv in die Zukunft gelangt< mischte ich mich nun in die Diskussion ein. >Ich habe etwas von unserer Welt gesehen, was nicht sehr gut aussah und Ortas kann das bestätigen<.
>Richtig!< fügte Ortas hinzu >Ich habe die Zukunft der Erde gesehen und zwar genau fünf Jahre ausgehend vom Zeitpunkt, als Paul sich schlafend in seiner Wohnung befand und am nächsten morgen ebenfalls in die Zukunft gereist war und das ohne Multiverser<.
>Ein Indiz dafür, dass es inzwischen Risse im Raum-Zeitgefüge gibt< meldete sich Lira zu Wort und schaute mich dabei an, wohl um sich zu vergewissern, ob ich mich noch an meinem Platz befinde.
>Das sehe ich auch so, Lira< erwiderte Gondvira >Ich denke, dass es gerade diese unvorhersehbaren Zeitsprünge in die Zukunft sind, die ja eigentlich nicht sein dürften, dass sie es sind, die die größte Gefahr für das Multiversum darstellen. Und aus diesem Grund kann ich nur wiederholen: Wir müssen den ursprünglich ersten Multiverser finden und unbedingt verhindern, dass er aktiviert wird, damit die Prozesse, die inzwischen in Gang gekommen sind, gar nicht erst in Gang treten<.
Mir wurde wieder schwindelig. Ich konnte mich nicht lange mit diesem Thema befassen, ohne Konfusion, Irritation und sogar Ärger zu empfinden. Was taten wir nicht alles im Namen der Zivilisation und des Fortschritts. Im Grunde hatten wir völlig den Boden unter den Füßen verloren und so fühlte ich mich auch manchmal, als wenn sich unter mir ein schwarzes Loch auftun würde und ich begänne zu fallen und zu fallen, ohne Ende. Darüber hinaus verstand ich die Zeit und deren Bedeutung nicht wirklich, vor allem dann nicht, wenn Paradoxien zu einem Spielball aller weiteren Überlegungen wurden.
>Könnte es nicht sein, wenn das Gerät von Knossos nicht zum Einsatz kommt, wir von der Bildfläche verschwinden, weil alles dies gar nicht erst eintreten wird?< war Toms berechtigte Frage.
>Das ist zumindest nicht auszuschließen< war die „beruhigende“ Antwort von Gondvira.
>Also, eine Mission mit der Option auf völlige Auslöschung der Existenz< murmelte Tom in seinen Bart, den er nicht hatte, denn er war heute morgen wieder überaus glatt rasiert und sah auch sonst nicht aus wie ein verpennter unrasierter Philipp Marlowe, den ich immer assoziierte, wenn es um amerikanische Detektive ging. Na ja, mit Whiskey hatte er sich ja auf der Erde oft genug zugedröhnt. Zumindest dieses Klischee passte zu Tom.
>Da Ortas uns verlassen wird, um mit seiner Freundin Lesalee gemeinsam in Auroville gegen die Feinde der Anarchie zu kämpfen, hat mich Lira gebeten, seinen Platz einzunehmen. Ich weiß gar nicht, wie ihr alle auf die Idee kommt, ich hätte hier etwas zu bestimmen, aber natürlich habe ich nichts dagegen<.
Gondvira schien es zuwider zu sein, man könne ihr unterstellen, Chefallüren zu entwickeln. Darum nutzte sie Situationen wie diese, um den anarchistischen Gedanken der Herrschaftslosigkeit und Gleichheit in Erinnerung zu rufen. Dass ausgerechnet Lira anstelle von Ortas reisen würde, war wohl ihrer Kompetenz und Hartnäckigkeit zu verdanken. Ich liebte sie alleine schon für diese Eigenschaften, sie hatte sich bei Gondvira wohl stark dafür eingesetzt, mit uns nach Kreta zu reisen. Es dauerte noch eine Weile, bis auch klar wurde, dass Dennis auf Anderran bleiben würde. Er hatte sich als eine Art Botschafter der Erde angedient und wurde gerne für diesen Posten in Betracht gezogen. Somit war klar, dass Tom, Lira und auch André die Mission unternehmen würden. Würden wir jetzt zu Rettern des Multiversums oder zu deren Totengräber, schoss es mir durch den Kopf.
Ich schüttelte mich und Lira schaute mich etwas irritiert an. Auch André war mein Zucken aufgefallen und meinte >Hast du Entzug oder was ist los?<
>Nee, ich fürchte mich nur, vor dem was da auf mich zukommt< und mir war es ein Bedürfnis, meinen alten Kumpel in den Arm zu nehmen.
>Schon gut, Paul, alles wird gut!< munterte mich André auf.
Die förmliche Gesprächsrunde begann sich allmählich aufzulösen und ich trennte mich von André, um Lira zu begrüßen, mit der ich noch kein Wort gesprochen hatte an diesem Morgen. Statt zu reden, fielen wir uns in die Arme und küssten uns: was für ein wunderbares Gefühl! Nun endlich hatte sich meine Reise gelohnt und alles andere schien längst nicht mehr so bedrohlich, wie noch vor einigen Minuten. Mit einem Ohr bekam ich noch mit, dass der selbsternannte Soldat Assagog und sein „Führer“ Malekko aus dem Waffenlager und Bunker vor den Toren von Auroville hatten fliehen können. Ansonsten stand dieses Waffenlager endgültig unter der Kontrolle der neuen „anarchistischen Plattform“. Das waren nun drei von fünf Waffenlager. Aber das interessierte mich nicht wirklich, ich hatte nur noch Augen für dieses schöne offene Gesicht, welches mir wie ein neugeborener Stern die Helligkeit in das Dunkel meiner Seele brachte.
>Was ist los, Paul?< wollte Lira wissen, während wir zärtlich unsere Wangen aneinander rieben.
>Ich bin einfach nur hin und weg< meinte ich.
>Dann brauchen wir ja nicht mehr auf die Erde< flüsterte sie mir ins Ohr und fügte schelmisch hinzu >Wir desertieren einfach!<.
Sie war ein herrliches Wesen!



Aus den Aufzeichnungen von Tom Hazard
Ich muss sagen, ich beobachtete das Verhalten von Paul mit Skepsis. Eine Außerirdische und dann auch noch eine so junge Frau, mit der sich Paul da einließ: Für meinen Geschmack konnte das nicht gut gehen. In meine Detektei in Oakland kamen immer wieder Männer hereingeschneit, denen das Mädchen abhanden gekommen war bzw. sich auf Abwegen befand. Ich musste dann meist die Frauen ausspionieren. Für die Männer kam die Einsicht oft zu spät, dass es ein Fehler war, sich mit einer so viel Jüngeren einzulassen. Bei der erst besten Gelegenheit würden die meisten Mädchen einen alten Sack sitzenlassen und mit einem attraktiven jungen Burschen durchbrennen. Aber, was soll`s, solange ich mein Geld bekam, war für mich die Sache okay. Doch hier war das etwas anderes. Wir begaben uns auf eine Mission, die voller Gefahren war. Da brauchte es die Konzentration aller Beteiligten, damit die ganze Sache nicht scheitert. Eine Beziehung, wie sie sich zwischen den beiden anbahnte, verhieß für meinen Geschmack nichts Gutes. Weil ich es aber durch meinen Job gewohnt war, auch die schwierigsten Fälle zu einem Ende zu bringen, würde ich auch diesmal nicht kneifen und im übrigen war ich viel zu fasziniert von dieser Multiverser Technologie, als dass ich mir die Chance, eine Reise in die Vergangenheit einer irdischen Kultur zu unternehmen, durch die Lappen gehen lassen würde.
Im Übrigen stachelte die Suche nach einem alten Artefakt meine Instinkte an und ich war froh, mal nicht irgendwelchen Leuten hinterher schnüffeln zu müssen. Einen alten außerirdischen Kasten im Palast von Knossos zu finden, dürfte eigentlich nicht so schwer sein. Ich hatte mir auch schon überlegt, dass wir am besten als Händler aus dem Norden auftreten würden, vielleicht aus dem fernen Britannien. Wie Südländer sahen wir ja alle nicht aus, also mussten wir eine gute Story für die alten Kreter parat haben. Vielleicht sollten wir auch ein paar Tauschwaren dabeihaben, etwas was die alten Seefahrer den sogenannten Wilden auf die Inseln der Südsee mitbrachten: Glasperlen, Spiegel und so ein Zeugs. Wir würden hervorragende Geschäfte machen und sogar auf diese Weise den Multiverser eintauschen, und das ohne großartig im Palast einbrechen zu müssen und uns dort durch ein Labyrinth von Gängen und Zimmern zu arbeiten, um vielleicht am Ende noch von den Palastwachen geschnappt zu werden, um anschließend dem Minotaurus zum Fraß vorgeworfen zu werden!
Dass Dennis sich entschieden hatte auf Anderran zu bleiben, musste ich akzeptieren, genauso wie die Beziehung von Paul und Lira. Ich gönnte Dennis den Job als Botschafter. Vielleicht war das ja seine Berufung, den Anderranern die Kunst der Erde näherzubringen, denn künstlerisch hatte der Kerl wirklich was drauf und vielleicht käme er sogar endgültig von den Drogen los. Dass man allerdings nur Lira an die Seite von drei Terranern stellte, fand ich merkwürdig, aber vielleicht änderte sich das noch. Der Abreisetag stand ja auch noch nicht fest. Das Wurmloch ließ auf sich warten, das Portal war noch geschlossen!
Ich saß in der Cafeteria auf dem Gelände des Observatoriums. Mehr war ja hier oben auch nicht los. Das war ja nicht Oakland oder Frisco. Aber gemütlich war es dennoch und die Anderraner, mal abgesehen von unserer Entführung aus der Bibliothek in Auroville, waren ja ganz okay. Orestes war einer der studentischen Mitarbeiter und setzte sich zu mich an den Tisch.
>Du bist Tom von der Erde, stimmt`s? Du und Paul seht euch sehr ähnlich, fast wie Zwillinge<
>Das stimmt, ich heiße Tom. Paul und ich sind aus Parallelwelten. Eigentlich müssten wir identisch sein, sagt man jedenfalls. Ein und dieselbe Person in unterschiedlichen Welten unterwegs<. Ich hatte eigentlich mehr gesagt, als ich vorhatte.
>Ich hätte nicht wenig Lust, mit euch zu kommen< kam Orestes auch gleich zur Sache.
>Ich glaube nicht, dass ich das zu entscheiden habe< gab ich zur Antwort und das stimmte.
>Aber du hättest nichts dagegen<
>Nein, hätte ich nicht<
>Danke< sagte Orestes, stand auf und ging.
Dann machen wir eben auf Kreta eine Art von Auslandssemester für außerirdische Studenten, dachte ich, und musste wohl ziemlich breit grinsen, denn sofort kam die schöne Lira zu mir herüber, die die ganze Zeit an einem anderen Tisch gesessen und mit einigen anderen Kommilitonen gespeist hatte.
>Darf ich?< fragte Lira und lächelte ein Zahnpastalächeln, wie es weißer kaum sein konnte. Zahnärzte würden an dieser Frau nicht viel verdienen, dachte ich.
>Halt, sag nichts!< meinte ich, bevor sie überhaupt Luft geholt hatte >ich sehe Paul sehr ähnlich. Stimmt, wir sind intergalaktische Zwillinge, aber das ist wohl auch schon alles, was uns verbindet<
>Du scheinst ihn nicht zu mögen?< Liras zuvor freundliche Gesicht verfinsterte sich ein wenig.
>Nein, das ist es nicht. Es ist eher etwas, na sagen wir, es ist irritierend, sonst nichts<. Ich hatte durchaus Fälle, die irritierender waren, als die Beziehung zu Paul.
Lira schien in meinem Gesicht nach einer Antwort zu suchen, war offenkundig nicht zufrieden mit dem, was ich gesagt hatte. Bevor wir weiterreden konnten, setzten sich auch schon Paul und André zu uns.
>Hallo!< begrüßte uns Paul, der sich neben Lira setzte. André hatte neben mir Platz genommen.
>Da sind wir ja fast alle beisammen< meinte ich.
>Fast alle?< bemerkte Paul.
>Der Student Orestes war eben hier und bekundete seinen Wunsch, mit von der Partie sein zu wollen< erwiderte ich.
>Dann wären wir fünf< hatte André richtig gezählt.
>Ich bin etwas verwundert darüber. Orestes ist nicht unbedingt der Typ für solche Expeditionen< schaltete sich nun Lira ein >aber er ist fasziniert von der Erde und seiner Geschichte. So viel ich weiß, kennt er sich auch etwas aus mit der – wie nennt ihr das? - Antike, der Zeit auf der Erde, wo sich euer Demokratieverständnis entwickelt hatte. Das könnte jedenfalls von Vorteil sein, wenn Orestes mitkommt< schloss Lira ab.
>Also, ich bin auch nicht unbedingt ein Abenteurer, und trotzdem will ich nach Kreta< meldete sich Paul zu Wort und schaute Lira dabei in die Augen, die wiederum eine Hand auf seinen Arm legte und ihm irgend etwas von der Art antwortete „Schon gut, mein Schatz, ich habe vollstes Vertrauen zu dir“.
Ich sah mich schon hier und jetzt an diesem Tisch bestätigt in meiner Einschätzung über die Beziehung der beiden. Bei der erst besten Gelegenheit – vielleicht schon auf der Insel Kreta - wäre Lira fort von ihrem „Traummann“ und würde einen von Eifersucht zerfressenen Paul zurücklassen. Ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich über die beiden sinnierte, also beschloss ich das Thema zu wechseln:
>Also, wann geht`s denn los und wer entscheidet überhaupt, wer alles auf die Reise geht?< meine Frage richtete sich an Lira, denn wir waren auf ihrem Planeten und die Anderraner besaßen die Technologie der Zeitreisen.
>Es sind immer die Plena, die entscheiden, nie eine einzelne Person alleine, das würde unserem Prinzip der Herrschaftslosigkeit widersprechen. Aber ich denke, die Entscheidung darüber wird recht schnell fallen, das ist nur eine Formalität< gab Lira ihre Einschätzung ab.
>Na ja, eine Formalie würde ich das nicht gerade nennen< entgegnete ich. Denn ich war der Meinung, dass es sich immerhin um die Zukunft des Multiversums handelte, weswegen wir diese Mission starteten. Sie gab mir diesbezüglich auch Recht, wollte aber nur zum Ausdruck bringen, dass die anarchistischen Instanzen durchaus in der Lage wären, die Brisanz zu erkennen und entsprechend zügig in dieser Sache zu entscheiden. Das betraf wohl auch die Beschaffung eines der Multiverser, damit wir die Reise überhaupt machen konnten.
>Wo befinden sich die Dinger überhaupt zur Zeit?< wollte ich von Lira wissen.
>Wenn du mit „Dinger“ die Multiverser meinst: die befinden sich in Auroville in einer Sammelstelle. Weil wir uns per Referendum gegen die Technologie des Zeitreisens entschieden haben, werden die Multiverser später vernichtet. Aber du kannst beruhigt sein, eines der Geräte kommt mit dem nächsten Solarflieger nach Katenam<. In Liras Gesicht zeichnete sich Ärger ab. Ich hätte die „heiligen“ Geräte nicht als „Dinger“ bezeichnen dürfen, denn immerhin beruhte ein Großteil ihrer jüngeren Geschichte auf genau dieser Technologie. Wenn sie zukünftig hierauf verzichten würden, ginge das nicht ohne Konsequenzen für die gesamte anderranische Gesellschaft, so viel war mir klar. Ich entschuldigte mich bei Lira, die diese auch annahm.
Nun kam auch noch Orestes mit Gondvira zu uns an den Tisch und wir rückten ein wenig zusammen.
>Ihr wollt Orestes mitnehmen< Gondvira strich sich mit der rechten Hand über das Lila ihrer öligen Haare und dann klopfte sie Orestes auf die Schulter >hier habt ihr ihn!< Sie fügte hinzu:
>Offensichtlich wollt ihr mich auf meiner Station ausbluten, indem ihr mir meine besten Mitarbeiter abwerbt< sie hatte wirklich einen merkwürdigen Humor und ich entgegnete:
>Es ist nicht, wie es aussieht, Orestes hatte mich...< Gondvira unterbrach mich abrupt:
>Schon gut, das war ein Scherz! Ich komme schon ohne Lira und Orestes klar. Charkas bleibt mir ja noch erhalten. Und sollte unser Universum erlöschen, dann gibt es da für uns sowieso nichts mehr zu beobachten<. Im Gegensatz zu mir schien Paul an diesem Tag einen deutlich besseren Zugang zu dieser Art von Humor zu haben als ich, denn er lächelte überaus gut gelaunt.



Während die Besucher von der Erde sich in der Mensa aufhielten, befand sich Ortas in seinem Zimmer der Wohnanlage. Der Koffer stand zur Hälfte schon fertig gepackt auf dem Bett. Morgen Mittag, wenn der Flieger von Kongress eintrifft, bin ich fort hier, dachte Ortas. Er legte oben auf zu seinen Sachen den Stock von Schoonas und verschloss dann den Koffer. Auf dem Tisch lag der Kommunikator, den sich Ortas nun nahm, um Lesalee anzurufen:
>Hallo Geliebter!< war das Erste, was Lesalee sagte, als sie das Gesicht von Ortas auf dem Display erkannte.
>Keine Zeit für Höflichkeiten, Liebste – ich komme morgen zurück nach Auroville. Ich habe mich entschlossen, Anderran nicht mehr zu verlassen. Wie konnten wir uns überhaupt anmaßen, die Zeit zu manipulieren, ohne irgendwelche Konsequenzen zu kassieren?!< Ortas hatte sich auf das Bett gesetzt, war ziemlich konsterniert.
>Hör zu, mir geht es gut! Ich weiß, dass du meinen Einsatz an dem Bunker nicht besonders gut fandest, aber es war ein Kinderspiel. Wir haben ein von mir entwickeltes Gas durch die Klimaanlage geleitet und die Besetzer schliefen tief und fest, als wir das Depot aufgebrochen hatten<. Lesalee befand sich nun in ihrer Wohnung in Auroville.
>Und trotzdem gab es Tote, wie wir hier in Katenam erfahren haben< antwortete Ortas.
>Einige der Rebellen sind früher erwacht, als gedacht, und sie fingen an, sich einen Weg nach draußen frei zu schießen, wir konnten das nicht verhindern. Malekko und einige andere gefährliche Leute konnten fliehen< bedauerte Lesalee den Zwischenfall außerordentlich.
Sie war vor der Aktion fest davon überzeugt, dass es zu keinerlei Schäden kommen würde, geschweige denn, dass es Tote gibt. Da sie selbst die Substanz für das Gas hergestellt hatte, gab Lesalee sich zumindest eine Mitschuld, ohne dies aber zu verlautbaren.
>Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein!< entschuldigte sich Ortas.
>Schon gut, ich weiß, du hast dir nur Sorgen gemacht. Aber nun weißt du, wie es mir ging, wenn du auf Missionen auf der Erde warst< sagte Lesalee ohne vorwurfsvollen Ton in der Stimme.
Die zwei verabschiedeten sich voneinander bis zum nächsten Tag. Ortas verschloss den Koffer, stellte ihn neben die Tür und ging nach draußen, um etwas Luft zu schnappen bei einem Spaziergang – alleine, um die Gedanken zu sortieren. Über ihm stand der Mond von Anderran und war trotz des Tageslichtes gut zu erkennen. Im Gegensatz zum Erdmond war dieser etwas größer, zeigte aber die gleichen Einschlagskrater. Wieso ist noch nie ein Anderraner je dort oben gewesen, fragte sich Ortas; wir reisen durch das Multiversum, aber den Mond vor unserer Nase haben wir dabei völlig „übersehen“. Dieser Gedanke und die unglaubliche Ignoranz, die dahintersteckte, ging ihm den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf.



Ich hatte manchmal in der Mensa das Gefühl, man würde uns beobachten und sagte dies auch Lira, die nur meinte, ich solle mir da mal keine Sorgen machen. Die Anderraner wären eigentlich ziemlich lockere Leute, auch der Altersunterschied zwischen uns würde nicht ins Gewicht fallen. Niemand würde unsere Beziehung abschätzig beurteilen und einordnen. Gondvira hingegen wäre tatsächlich etwas traurig darüber, dass sie mit ihrem „neuen Schatz“ nach Kreta ginge, weil gerade die Einordnung neuer Planetensysteme der Andromedagalaxie eine Aufgabe war, die Lira nun vorerst nicht weiterführen würde – und das wäre sehr bedauerlich, zumal nicht sicher sei, ob die aufkommenden Risse im Raum-Zeit Gefüge einige dieser Planeten verändern oder sogar zu ihrer „Auflösung“ führen könne. Die Vorstellung, dass ganze Planeten und Sterne von der Bildfläche verschwinden, ohne sie jemals überhaupt kartografiert zu haben, führte bei Gondvira zu einer etwas fatalistischen Einstellung im weiteren Umgang mit den Wissenschaften, aber auch den Menschen um sie herum. Lira hatte dies mit Sorge beobachtet, stand aber zu ihrer Entscheidung, Anderran zu verlassen.
>Fahren wir runter an den Strand?< fragte ich Lira. Ich hätte mir ein Bein ausreißen können, um nur einmal mit ihr zusammen am Strand dieses Meeres entlang zu gehen und anschließend ins kühle Nass zu springen, um mich mit ihr grenzenlos und lustvoll zu amüsieren.
>Machen wir das!< sie schien meine Gedanken gelesen zu haben, denn sie lächelte vergnügt. Wir bestiegen ein kleines E-Mobil und fuhren den etwa zwanzig Kilometer langen Weg hinunter ans Meer und blieben dort bis zum Abend.



Am nächsten Tag hatten sich Lira und Orestes in den Datenbanken von Anderran über die minoische Kultur kundig gemacht. Wir saßen gemeinsam in der Bibliothek des Observatoriums; Lira hatte den Auszug einer Abhandlung zum Thema „Kreta und die Minoer“ vor sich liegen und wandte sich an mich: >Paul, wir haben da etwas gefunden und ich möchte es einmal vorlesen< begann Lira zu sprechen und las die folgenden Zeilen, denen ich gebannt lauschte, denn ich hatte so gut wie keine Ahnung von der minoischen Kultur:
>>Aus den Geschichts-Annalen der Erde: Die minoische Kultur beschreibt einen Zeitabschnitt menschlicher Zivilisation mit Zentrum auf der mittelmeerischen Insel Kreta. Im Gegensatz zu anderen bedeutenden Mächten auf der Erde brachte die minoische Kultur keine aggressive kriegerische Kaste hervor und verzichtete auf militärische Expansion, wie etwa die der parallel existierenden ägyptischen Pharaonen. Dennoch lebten beide Völker nicht isoliert voneinander und hier zeigt sich auch das außerordentliche Geschick der Minoer. Sie verfügten über eine gut organisierte Flotte von Schiffen und waren die dominierenden Händler ihrer Zeit. An der Insel Kreta und dem zweiten sehr wichtigen überseeischen Stützpunkt der Insel Thera (Santorini) führten kein Weg vorbei, wollte man in der Bronzezeit einen guten Handel abschließen. Getauscht wurden beispielsweise kretisches Olivenöl und feine Schafwolle gegen Ebenholz und Alabaster aus Ägypten. Auf der Insel Zypern gab es die begehrten Rohstoffe Zinn und Kupfer, die zu Bronze verarbeitet wurden. Dieses Metall gab der Epoche auch ihren Namen: Bronzezeit.
Die Geschichte der Erde ist geprägt von Herrschaft, Gewalt und Expansion: Je aggressiver eine Nation auftritt, umso mehr Raum nimmt sie ein in der Literatur. Viele Kapitel menschlicher Geschichten und ethischer Abgründe werden bisweilen manipuliert und sind Teil von Erziehung, Kunst, Moral und Militärwesen. Auf diese Weise wird bis heute auf der Erde der Status Quo von Hierarchie und Macht legitimiert und gefestigt.
Die Kultur der Minoer nimmt in der europäischen Politik und Geschichte eine Sonderstellung ein, weil sie ähnlich wie die späteren Phönizier, auf den Handel als Machtfaktor setzten und nicht auf geografische Ausdehnung mit militärischen Mitteln. Aus diesem Grund kennt die minoische Geschichte keine Herrscherdynastien und ist für viele Geschichtsschreiber auf der Erde lange Zeit eher uninteressant gewesen. Ein weiterer Grund für den geringen Umfang literarisch überlieferter Geschichte ist das Fehlen von schriftlichen Zeugnissen. Erst die spätere Linear B Schrift, die von den expansiven Mykenern eingeführt wurde, erlaubt einen Einblick beispielsweise in die Handelsdynamik der Minoer. Die vormalige minoische Linear A Schrift konnte erst vor kurzem – zumindest teilweise - entziffert werden.
Das Fehlen schriftlicher Zeugnisse und archäologischer Nachweise macht auch eine Datierung der minoischen Geschichte schwierig, zudem sind auch viele Gebäude und sonstige Gegenstände verschüttet worden, zerstört oder für immer verloren gegangen. Grob kann gesagt werden, dass die minoische Kultur um 2000 v. Chr. begann und etwa 1450 v. Chr. endete. Mit verantwortlich für den Untergang der minoischen Kultur wird ein Vulkanausbruch (zwischen 1626 und 1600 v. Chr.) auf der Insel Thera gemacht , wobei der äußerst wichtige Handelsposten (Akrothiri) für immer zerstört wurde. Eine weitere Zäsur in der Geschichte ist die schleichende Übernahme der Staatsgewalt durch die aggressiv militanten Mykener. 1450 v. Chr. übernehmen endgültig die Festlandgriechen die Geschäfte auf Kreta. Bis 1200 v. Chr. leiten sie die Geschicke der Insel, bis sie von den sogenannten Seevölkern besiegt wurden<<.
>Tja< seufzte Lira >leider ist das alles, was wir bisher gefunden haben. Es folgt in der Abhandlung noch eine Auflistung archäologischer Ausgrabungsstätten und der Versuch einer Rekonstruktion der Lebensverhältnisse der Minoer sowie den religiösen Bräuchen und mythologischen Geschichten. Der Name „Minoer“ geht übrigens auf einen König Minos zurück, der aber offensichtlich nur eine Sagengestalt war<.
Lira reichte mir die Ausdrucke und ich schaute auf die Fotos diverser Alltagsgegenstände wie Tongefäße aller Art. Interessanter waren allerdings die Kleidungsstücke, die Orestes uns präsentierte, indem er sie auf einem der Tische vor uns ausbreitete.
>Obwohl ich nie auf Terra gewesen bin< begann Orestes zu sprechen >interessiere ich mich schon lange für eure Geschichte. Mein Name Orestes geht übrigens zurück auf einen römischen Heerführer und Vater des Romulus Augustulus, des letzten weströmischen Kaisers. In einer Schlacht gegen den späteren germanischen König von Rom, Odoaker, verlor Orestes bedauerlicherweise sein Leben. Aber dies hier sind Kleider, die in einer Manufaktur für irdische Textilien hergestellt wurden. Tom sagte mir, es wäre von Vorteil, als keltische Händler aus dem Norden Europas aufzutreten. Allerdings hat er sich bei der Datierung etwas vertan: Die Kelten werden geschichtlich erst einige hundert Jahre später die Bühne betreten<.
Orestes deutete auf die Fibeln, Schnallen, Nadeln, Hosen und Gewänder: >Dennoch könnt ihr diese Textilien benutzen. Die Kleidung der Kelten war etwas grober als die der Kreter, die wahre Meister in der Verarbeitung von Schafwolle waren und die Kleidung auch exportierten. Und das hier sieht aus wie euer Bernstein. Es war tatsächlich zu jener Zeit ein äußerst begehrtes Handelsgut in Südeuropa im Tausch gegen alles, was für die Barbaren von Interesse war<.
„Barbaren“ grummelte ich vor mich hin und sofort wurden die anderen auf mich aufmerksam. Sie erwarteten eine Erklärung von mir:
>Viel später, als die griechischen Stadtstaaten ihre Blütezeit hatten und Athen die Demokratie auf den Weg brachte, wurde der Begriff „Barbar“ geprägt. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Stammler“. Die Griechen benutzten den Begriff eigentlich für jeden, der nicht Grieche war und ihre Sprache nicht sprach. Schließlich wurde der Begriff immer mehr ein Synonym für Brutalität, Dummheit und Ignoranz. Aber letztlich wurde er fast immer benutzt, um andere Menschen und ganze Völker zu deklassieren und zu diskriminieren<.
>Interessant!< kam es unisono zurück.
Ich wollte eigentlich noch über die Vandalen „dozieren“, entschied mich aber dagegen; vielleicht bekäme ich später mal Gelegenheit dazu.
>Ist da eigentlich etwas für Frauen dabei?< Lira wühlte in den Sachen und wirkte, als fühle sie sich etwas ausgeschlossen.
>Da haben wir in der Tat ein kleines Problem< versuchte Orestes mit ruhiger Stimme Lira zu besänftigen.
>Ein kleines Problem...< wiederholte Lira >Was meinst du damit, Orestes?<
>Also, ich habe mir wirklich alle Mühe gegeben und die Frauen und Männer von der Manufaktur haben tolle Arbeit geleistet, aber...<. Ich unterbrach Orestes:
>Das Problem ist, dass Händler fast immer Männer waren auf der Erde. Frauen standen höchstens auf dem Marktplatz und verkauften Lebensmittel. Ansonsten wurden die Frauen eher selbst zur Handelsware!<.
>Was?!< jetzt war Lira richtig auf Touren! Bisher hatte ich sie zwar als durchsetzungsfähig und kompetent erlebt und sehr smart, aber nun zeigte sie ein durchaus feuriges Temperament, was nicht ganz ohne Wut auskam.
>Du kannst aber doch als die Frau des Händlers Paulix auftreten – gestatten Paulix, aus dem Land am Nordmeer!< ich machte eine Verbeugung vor Lira und die schien auch schon wesentlich besser gelaunt zu sein, als ich ihr einen silbernen Armreif überreichte, den sie auch prompt über ihr Handgelenk streifte.
>Was ist das? Das sieht eigentlich ganz gut aus.< Lira zog aus dem Stapel einige blau karierte Kleidungsstücke heraus.
>Das...das sind eigentlich Schuluniformen für junge Mädchen< antwortete Orestes mit leicht entschuldigendem Ton in der Stimme. >Diese Kleidung entspricht nicht ganz dem Zeitverlauf, sind aber der keltischen Kleiderordnung nachempfunden.
Hier ist noch ein Halsring für die Dame und ein Ring für den Herrn!<. Orestes überreichte uns die Ringe und Lira den Rock, eine Bluse und einen kirschrotem Überwurf, der an der Schulter mit einer Fibel zusammengehalten wurde.
Aus Funden keltischer Gräber wusste man, dass massive goldene Halsringe von höher gestellten Persönlichkeiten getragen wurden. Die keltischen Textilien wurden durchaus farbenfroh gestaltet. Färberwald, auch deutscher Indigo genannt – eine dem Raps ähnelnde Pflanze – ergab einen blauen Farbton, der erzeugt wurde, bevor der echte Indigo die Märkte beherrschte. Färberdistel wurde gebraucht, um gelben Farbstoff zu erzeugen: rosa, gelbrot, kirschrot, braungelb, braunrot waren die Farbnuancen. Die Färberdistel kam allerdings erst mit den Römern nach Mitteleuropa, aber das konnten die Minoer auch noch nicht wissen. Mit den zeitlichen Zuordnungen hatten wir offensichtlich einige Probleme. Da aber die Südeuropäer in der industriellen und vielleicht auch kulturellen Entwicklung den nördlichen Gegenden voraus waren, konnte es nicht schaden, der Geschichte ein wenig vorzugreifen und Kleidung zu tragen, die erst 500 Jahre später auf den Markt kommen würde. Wir würden unsere Sachen auch nicht als Handelsware anbieten, um nicht den Zeitverlauf zu beeinflussen, denn genau aus dem Grund wollten wir ja nach Kreta, um die Risse in der Raum-Zeit zu schließen.
>Ich bin zufrieden< gab ich selbstredend zum Besten und war tatsächlich hocherfreut über das außerordentliche Geschick und das Wissen der Anderraner bezüglich Kultur und Geschichte eines Planeten, der nicht ihrer war. Sie schauten in der Tat über den Tellerrand hinaus, hatten große Freude an ihrem Tun und waren überaus neugierig und interessiert an allem, was das Universum zu bieten hatte.
Lira hatte sich die „Schuluniform“ angezogen und entsprach mit ihren kurzen schwarzen Haaren tatsächlich eher dem Bild einer britischen College Schülerin in Cambridge, als der Frau eines keltischen Händlers aus dem hohen Norden. Die kurzen Haare waren tatsächlich ein Punkt, den wir noch klären mussten. Die Kelten trugen allesamt langes Haar, Männer wie Frauen, häufig wurde es sogar derart geflochten, sodass die Frisuren den jamaikanischen Dreadlocks ähnlich sahen.
>Das kriegen wir auch noch hin!< meinte Orestes, dessen Optimismus sich auf uns übertrug und so wurde aus einer im Grunde sehr ernsten Angelegenheit eine Art vergnügliche Kleiderparty, die schon immer auf meiner Wunschliste ganz oben gestanden hatte. Ich war zwar kein Freund karnevalistischer Aktivitäten, aber den Kleiderfundus eines Theaters hätte ich sehr gerne einmal aufgesucht und wäre dann in die Garderobe eines Dandys aus dem 19. Jahrhundert geschlüpft, der sich die Zeit vertrieb mit Müßiggang und Malerei an der Küste der Normandie. Vielleicht hätte ich Claude Monet getroffen und ihm zugesehen wie er sein Bild „Impression“ malte. Mit dem Multiverser müsste dies möglich sein, schoss es mir durch den Kopf! Ich verscheuchte den Gedanken wieder, als mich Lira unterbrach:
>Schau, da kommt dein „Bruder“ Tom!< Lira begann immer öfter mich zu necken.
Sie hatte sehr schnell herausbekommen, wo meine Schwachstellen waren, aber ihre Seitenhiebe waren fast immer sehr charmant und nie böswillig. Wir waren seelenverwandt, über drei Millionen Lichtjahre hinweg – das war das wirklich Erstaunliche. Dies war mein Abenteuer, nicht die Reise ins Jura oder nach Kreta, nein, es war die Tatsache, jemanden zu finden, den man sein Leben lang gesucht hatte, und ihn endlich gefunden zu haben. Ich denke, ich war das erste Mal in meinem Leben wirklich glücklich an dem Tag, als ich mich mit Lira und Orestes im „Kleiderfundus“ des Observatoriums von Katenam befand!



Wieder war eine Sonne verschwunden. Ursache hierfür war kein Schwarzes Loch, wie man meinen möge, denn die konnten tatsächlich ganze Sonnensysteme verschlingen. Auf der Erde hatte man inzwischen in der Riesengalaxie M87, die 53 Millionen Lichtjahre entfernt ist, ein Schwarzes Loch entdeckt und sogar fotografiert. Auf dem Foto ist deutlich die sogenannte Akkretionsscheibe zu erkennen; diese entsteht, wenn das Loch dabei ist, Materie in sich aufzusaugen. Die Strahlung, die bei diesem Prozess freigesetzt wird und nach dem Physiker Stephen Hawking „Hawking-Strahlung“ genannt wird, konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden. Die Gravitation Schwarzer Löcher ist so enorm und hat einen solchen Einfluss auf das Entstehen und das Fortdauern der Galaxien, dass davon ausgegangen werden muss, dass das Weltall ohne sie niemals in der Form existieren könnte, wie wir es wahrnehmen. Sollten nun durch Zeitparadoxien weiterhin Sonnen samt ihrer Trabanten aufhören zu existieren, würde dies garantiert auch Einfluss auf die Galaxien haben, bis hin zur Existenz der Schwarzen Löcher, der Dunklen Materie sowie der Dunklen Energie. Der Zusammenhalt des gesamten Universums wäre gefährdet, weil die Gesetze der Gravitation ausgehebelt würden und damit die weitere Ausdehnung des Alls zum Stillstand käme. In der Folge könnte gar das All kollabieren und die Reste sich in einem winzigen Punkt unglaublicher Dichte konzentrieren. Das wäre wahrscheinlich das Ende des gesamten Multiversums – oder der Beginn eines neuen.
Gondvira hatte diverse Filter vor das Okular gelegt, um besser beobachten zu können. Aber P45T19 war verschwunden, da halfen keine Filter und kein noch so großes Teleskop. Besonders dramatisch an dieser Situation war, dass die Sonne mindestens 10 Trabanten hatte, die auch nicht mehr nachweisbar waren. Einer der Planeten war dem anderranischen nicht unähnlich. Zwar war noch niemand dort gewesen, aber man wusste, dass der Planet ein Gesteinsplanet war und einen Ozean besaß. Auch eine Atmosphäre konnte nachgewiesen werden, die ein Leben nach menschlichen Maßstäben ermöglicht hätte. Gondvira begann sich mit dem Verlust des Sonnensystems abzufinden: Was geschehen war, war geschehen.
Morgen würden Orestes und Lira mit ihren drei irdischen Begleitern ihre Mission beginnen. Dann konnte ein Wurmloch genutzt werden, um die Reisenden hindurch zuschicken. Es wurde auch Zeit. Aber was war schon die Zeit. Ohne Raum gab es keine Zeit, ohne Zeit keinen Raum und keine Materie: kein Dasein, keine Existenz, kein Bewusstsein.
Gondvira musste an Schoonas denken, den sie einmal bei einem philosophischen Treffen zusammen mit Leartas in der stilvollen Bibliothek von Auroville kennen gelernt hatte. Er und Leartas trugen eine Kontroverse aus zum Thema Sein und Bewusstsein. Leartas setzte das Sein immer in Verbindung mit Bewusstsein, Schoonas sah dies anders, er trennte das Sein vom Bewusstsein. Für ihn waren auch Computerfestplatten etwas Seiendes, auch wenn sie über kein eigenes Bewusstsein verfügten. Wir würden auch den Computern eines Tages ein Bewusstsein geben, da war sich Schoonas sicher; aber noch wären wir nicht so weit, antwortete Leartas daraufhin. So ging das den ganzen Abend beim Treffen der Philosophen. Schoonas hatte sie nie wiedergesehen und die Bücherei von Auroville war inzwischen den Flammen von Terroristen zum Opfer gefallen. War das das Ende von Anderran? Und würde vielleicht auch dieses Sonnensystem aus dem universellen Bewusstsein verschwinden? Gondvira trank eine Tasse Beruhigungstee und stellte anschließend das leere Gefäß auf den Fenstersims. Ihre rechte Hand strich durch das lilafarbene Haar. Sie seufzte und wurde sich wieder ihrer Depressionen bewusst. Sie musste hier raus!


Assagog hielt eine, nach bisher geheim gehaltenen Plänen entwickelte, neue Schnellfeuerwaffe in der Hand und schoss einige Male auf eine Strohpuppe, die etwa 50 Meter entfernt in der Macchie von Kongress aufgebaut und Teil eines Schießstands war. Der Mann ist in seinem Element, dachte Malekko, als er dem Soldaten auf die Schulter klopfte, nicht um ihn zu loben, sondern um ihm klarzumachen, dass er mit ihm reden wolle.
>Ja, was ist denn, du siehst doch, ich bin bei der Arbeit?!< schnaubte Assagog.
>Ich muss mit dir über den nächsten Einsatz sprechen!< entgegnete Malekko mit bemüht strengem Ton in der Stimme. Malekko wusste, dass er nicht das Format eines Ausbilders, eines Vorgesetzten besaß, seine Qualitäten lagen eher im akademischen Bereich, so dachte er. Respekt würde dieser Soldat nie vor ihm haben, er musste aufpassen, das wusste er, sonst würde dieser instinktgesteuerte Mörder ihm bei erst bester Gelegenheit das Licht ausknipsen!
Assagog reichte die Waffe weiter an einen anderen Rekruten des „Netzwerks“ und ging hinter Malekko auf eine Bretterbude zu, in der schon ein paar andere Soldaten auf die zwei warteten. Dort angekommen und an einem Tisch Platz nehmend eröffnete Malekko die Runde:
>Ich habe euch hier zusammengerufen, nicht um die Details für den Angriff auf Waffenlager 4 und 5 zu besprechen, sondern: Wir holen uns die Multiverser und zwar alle! Nachdem wir bei Auroville kläglich versagt haben und der Soldat Assagog keine andere Möglichkeit sah, als sich den Weg nach draußen freizuschießen, sind wir heute in der äußerst komfortablen Situation, auch die letzten Hüllen moralischer Vorbehalte fallen zu lassen!<.
Malekko machte eine Pause und schaute in die Gesichter der Soldaten, die etwas ratlos schienen. Die haben kein Wort verstanden, von dem, was ich gerade gesagt habe, dachte er, nicht ganz ohne Reue über sein eigenes subversives, ja, verräterisches Verhalten. Als er gerade auf dem Tisch die Pläne ausbreiten wollte, betrat Ventia die Bretterbude. Malekko war froh, dass sie doch noch gekommen war, denn sie, die bisher eigentlich eher unauffällig agierte, verstand es besser, mit den Soldaten umzugehen. Ventia besaß eine gewisse Souveränität im Umgang mit Menschen im allgemeinen und mit diesen Kreaturen im besonderen. Er war wirklich froh und reichte den Stab an Ventia weiter, die sichtlich erfreut war, denn sie genoss die Rolle von Dominanz und Macht, und das Lächeln in ihrem Gesicht unterstrich Malekkos Ansicht über diese Frau.


>Das Netzwerk, Das Netzwerk, ich kann es nicht mehr hören!< brüllte Torolei.
>Ruhig, ganz ruhig!<
Lesalee war sichtlich bemüht, dem Wutausbruch ihrer Freundin die Luft rauszulassen. Tatsächlich waren sich die beiden Frauen in den letzten Tagen sehr viel näher gekommen und schätzten einander sehr, denn sie wussten, sie konnten sich unbedingt aufeinander verlassen, das war in Zeiten wie diesen von unschätzbarer Bedeutung.
Der Zorn, den Torolei zum Ausdruck brachte, war verständlich, denn subversive Ansichten hatten sich in allen Teilen der anderranischen Gesellschaft eingenistet. Man spürte und man hörte an allen Ecken – und nicht nur in Auroville – Sympathie für die Umstürzler und „Das Netzwerk“. Wie konnte es sein, dass man begann, die Basis für das Zusammenleben Aller in Frage zu stellen: Die Anarchie. Sie war es, die bisher die Toleranz und die Würde aller Menschen garantierte auf diesem Planeten. Und plötzlich sollte all dies nichts mehr Wert sein?
>Die haben jetzt sogar Maschinenpistolen!< erwiderte Torolei >Ich weiß nicht, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen<. Ihre Wut wich nun einer Enttäuschung, auch über das bisher Erreichte.
>Ich glaube, ich habe da eine Idee< meinte Lesalee >Wir holen diesen...wie heißen die noch...Schnüffler...diesen Tom nach Auroville und am besten auch Valdur, denn der kennt Malekko noch aus dem Ethikrat<.
Torolei stand wie angewurzelt auf dem Balkon in Auroville, im Spiralarm F, wo sich die Stadtbücherei im Wiederaufbau befand. Leartas machte sich wieder mal rar und arbeitete an einem Schreibtisch, der in einer dunklen Ecke des Wohnzimmers stand.
>Genial, die Idee könnte glatt von mir sein, Lesalee. Wir schleusen diesen Tom in das Netzwerk um Malekko ein und vernichten die ganze Bande anschließend!<
Lesalee war entsetzt über die Ausdrucksweise ihrer Freundin und ehemaligen politischen Widersacherin. Wie hatte sich doch das Klima auf Anderran verändert!
Erst folgte eine Verrohung der Sprache, dann kam es zu wütenden Protesten und schließlich starben die ersten Menschen. Tatsächlich marschierten draußen durch die Straßen die Demonstranten. Sie hielten Transparente hoch, auf denen stand „Anderran den Anderranern!“ und „Terraner raus aus Auroville!“.
>Was ist da draußen los?< meldete sich Leartas aus dem Hintergrund zu Wort. Der hatte die wütenden Proteste bis in seinen „Elfenbeinturm“ vernommen.
>Das ist das Anderran, was wir niemals wollten!< sinnierte Lesalee. Torolei gab ihr Recht und fügte hinzu >Weil wir unsere Geschichte nicht aufgearbeitet haben, holt sie uns nun ein!<
Tatsächlich hatte man nach dem Großen Krieg auf Anderran den Resten des bestehenden Gesellschaftssystems einfach die Form des Anarchismus übergestülpt, ohne darauf zu achten, wen man sich da alles an Bord geholt hatte. Das neue Schiff der Anarchie stach in die See mit einer Besatzung aus Kollaborateuren des alten Regimes. Niemand wollte damals ernsthaft eine Selektion vornehmen, dahingehend, wer geeignet ist und wer nicht, politische Verantwortung in einem System zu übernehmen, welches sich als oberstes Prinzip, die Würde des Menschen auf die Fahnen geschrieben hatte. Das schien ein Widerspruch zu sein, den niemand auflösen konnte oder wollte. Mehr als zweihundert Jahre waren seit dem Beginn des Anarchismus vergangen und je mehr Zeit verging, um so mehr erachtete man das Problem als für erledigt. Eine ernsthafte Reflektion der Geschichte wurde nicht mehr vorgenommen, allenthalben in kleinen Zirkeln, die eher philosophische Betrachtungsweisen erörterten, aber keinen realpolitischen Bezug hatten. Für den Fortgang der Geschichte des Planeten schien diese Entscheidung sich nun zu rächen und als äußerst fatal zu erweisen. Nicht von ungefähr waren Parallelen zur Geschichte der Erde zu erkennen und nun machte sich auch ein Aspekt der Zeitreisen bemerkbar, den niemand zuvor auf der Rechnung hatte: Das einst als konstruktiv gedachte und bildende Element der Reisen auf die Erde schien sich nun zur Achillesferse in der politischen Entwicklung auf Anderran zu entwickeln. Der als abstoßend deklarierte Materialismus der Erdbewohner wurde von Teilen der Anderraner geradezu kopiert und beeinflusste zusehends ihr Denken und Handeln. Gepaart mit der Ignoranz der eigenen Geschichte war das Resultat nun zu beobachten: Auf der Straße marschierte der Mob und pöbelte gegen Bewohner der Erde, obwohl die meisten von ihnen noch nie einen Terraner zu Gesicht bekommen hatten.
>Und da wollen wir nun einen Erdling nach Auroville holen?!< Torolei hatte Recht. Der Detektiv Tom aus dem San Francisco der Erde würde nicht besonders amüsiert sein über die Entwicklung in der Stadt.
>Ich frage mich, wie wir ihm diesen Auftrag nur schmackhaft machen können< setzte Torolei fort.
Leartas war auf den Balkon getreten und schien nicht besonders erschreckt über das, was auf der Straße unter ihnen passierte. Er war eben ein Stoiker.
>Das Selbstverständnis eines Detektivs definiert sich über die Brisanz seiner Aufgaben – je heikler die Mission, je höher der vermeintliche Anspruch an Körper und Geist, desto mehr Ehre wird ihm zu Gebühr< Leartas hatte gesprochen und die beiden Frauen nickten dem nicht mehr ganz so jungen Philosophen anerkennend zu.
>Das Schwert der Anarchie hat gesprochen!< meinte Torolei ironisch, drehte sich um und entschwand ins Wohnzimmer.
>Du meinst, er gibt sich alleine mit der Ehre zufrieden?< wollte Torolei wissen.
>Na ja, man könnte noch was drauf legen, um ganz sicher zu sein, dass er den Job auch durchzieht< hatte sich Leartas nun sprachlich neu eingeordnet.
>Was könnte das sein? Geld haben wir nicht.<
>Ganz einfach: um sein Ego zu beflügeln, musst du ihm Versprechungen machen, von Posten reden, die in seinen Augen Macht bedeuten. Die Eitelkeit dieses Menschen kann da einfach nicht widerstehen und er wird seine Aufgabe zur Zufriedenheit aller erledigen. Du wirst sehen!< Leartas hatte einen absolut souveränen Auftritt. Lesalee glaubte in diesem Moment, der Mann wähne sich auf einem Podium und spräche für die Ewigkeit des Seins.
>Ja, wir holen ihn nach Auroville, koste es, was es wolle!< schloss Lesalee und war dankbar, diesen Freund und Berater in der Gruppe der „Anarchistischen Plattform“ zu haben.
Torolei kam mit einem Tablett und drei Gläsern, in denen sich eine perlende Flüssigkeit befand, zurück auf den Balkon.
>Ich dachte mir schon, wenn ihr zwei zusammensteht und redet, dann kommt es auch zu einem Ergebnis und es gibt was zu feiern – es gibt doch etwas zu feiern, oder?< Torolei reichte den beiden je ein Glas.
>Nein, der Kampf hat gerade erst begonnen!< nahm Leartas den Wind aus allen Segeln, die nun schlaff an den Masten des Schiffes hingen.

Die kleine trostlose Insel Vik im Nordmeer befand sich im eisigen Würgegriff eines scheinbar nie endenden Winters. Die Temperaturen stiegen selten über die Frostgrenze und der Großteil des Eilandes lag unter einer meterdicken Schnee- und Eisschicht begraben. Es gab nicht sehr viele unwirtliche Gegenden auf Anderran, aber diese Insel gehörte zweifellos zu den menschenfeindlichsten Orten des Planeten. Dennoch lebten hier einige Forscher, unter ihnen die tapfere Relaja, die aus der nördlichen Hemisphäre stammte und daher eine hohe Anpassungsfähigkeit an Klima und auch Einsamkeit mitbrachte.
In der Wildnis gut und dauerhaft zu überleben, hatten ihre Vorfahren zu einer der erfolgreichsten Anderraner überhaupt gemacht. Sie waren ein entbehrungsreiches Leben gewohnt und stellten keine hohen Ansprüche, deshalb war es für Relaja auch selbstverständlich, im Norden zu bleiben; das Leben in südlichen Regionen war bisher keine wirkliche Option für die ausdauernde Sportlerin und Geologin.
>Wir haben eine Botschaft erhalten< meldete sich ein Mann in Relajas Raum auf der Station am Ende der anderranischen Welt.
>Setz dich, Ulja!<
Relaja reichte ihrem Kollegen ein Heißgetränk, das er gerne annahm. Die zwei Wissenschaftler und zwei weitere Arbeitskräfte waren die einzigen Menschen an diesem Ort im Ewigen Eis. In Anbetracht der Tatsache, welch brisante Fracht sich an ihrem Ort befand, ein wirkliches Minimum an Personal und damit auch ein Minimum an Sicherheit. Man spekulierte eben auf die Verschwiegenheit derer, die um das Allgemeinwohl besorgt waren und für die die Ethik der Anarchie oberste Priorität genoss.
>Na, sag schon, was gibt`s neues?<
Ulja war sehr ungeduldig, denn natürlich bekam man hier oben auf der Insel nicht sehr häufig Nachricht von da draußen. Zweimal im Jahr kam ein wasserstoffbetriebener Eisbrecher und ankerte vor der Insel. Ein kleines Boot brachte dann Nahrungsmittel herüber und nahm den Müll mit. Meist erhielten sie Konserven, aber einen Großteil der Nahrung besorgten sich die hier Lebenden ohnehin selbst. Die See brachte genug Fisch hervor und das Land beherbergte trotz der Eiseskälte einige größere Säugetierarten, die erjagt werden konnten. Das bedeutete frische Nahrung, unterbrach die Monotonie, stärkte die mentalen Eigenschaften der Menschen und straffte die Körper. Bei der Jagd frönte Relaja auch ihrer Leidenschaft: dem Skilanglauf.
>Wir haben eine Anforderung von Expressgut<
Das war in der Tat sehr ungewöhnlich, denn schnell ging hier im Eismeer eigentlich nie etwas vonstatten. Zwar gab es die unterirdischen Röhren, die über den ganzen Planeten verteilt, Waren bis zu einer Größe eines Menschen mit fast tausend km/h von einem Ort zum anderen befördern konnten, aber allzu oft geschah dies nicht. Das System der Rohrpost stammte noch aus einer Zeit, als Anderran ein Planet der Nationen war, die im stetigen Wettbewerb zueinander standen. Wer, wann am schnellsten die erforderlichen Waren und Nachrichten erhielt, befand sich im Vorteil gegenüber den Wettbewerbern. Heute war dies nicht mehr so im Rahmen der Egalität und der Souveränität des Anarchismus.
>Dann fahr ich mal in den Keller und werfe die Maschine an!< Ulja war schon im Begriff, sich in Bewegung zu setzen, als Relaja ihn ausbremste:
>Hey, Hey, Hey, nicht so schnell! Lass uns erst mal nach der Ware sehen, die wir durch das Rohr schießen sollen<.
Die Nachricht, die sie erhalten hatten, kam aus Auroville vom Plenum der „Plattform“, die die legitime Nachfolge der verschiedenen anderranischen Fraktionen angetreten hatte. Verfasst war die Depesche von Lesalee, die im Namen aller Fraktionen sprach. Sie bat um die Verschickung eines irdischen Revolvers, Smith & Wesson, Kaliber 44, vier Rucksäcken mit diversen Inhalten und eines Multiversers. Zu versenden wären diese Dinge nach Katenam. Dort würden die Gegenstände dringendst erwartet. Die Zukunft Anderrans und vielleicht des Multiversums hingen nun vom konstruktiven und zügigen Einsatz aller instruierten Mitarbeiter ab: Unterzeichnet mit „solidarischen Grüßen“ aus „Auroville, der Heimstatt der Freiheit, Gleichheit und des Friedens“.
Relaja wusste sofort Bescheid, sie kannte Lesalee und auch Torolei. Bei einem Besuch auf dem Inselkontinent Kongress hatte sich Relaja einmal den Wunsch erfüllt, die Felder der Heilpflanzen Kooperative von Auroville zu besichtigen. Lesalee hatte sie letztes Jahr höchst persönlich und sehr informativ durch die Agrarlandschaft geführt. Für Relajas Augen, die beinahe nur Grau-Schattierungen kannte, war das eine unglaubliche Reizüberflutung der Optik. Nachdem sie sich von dem „Farbenschock“ erholt hatte, genoss sie aber ihren Aufenthalt in vollen Zügen. Drei Wochen blieb sie auf den Hügeln vor den Toren Aurovilles.
Die Geologin und ihr Kollege bestiegen den Fahrstuhl, um ins fünf Stockwerke tiefer gelegene Depot der Forschungsstation zu gelangen. Nachdem Relaja auf die -5 gedrückt hatte, setzte sich der Fahrkorb in Bewegung:
>Wenn mich nicht alles täuscht, hatte das Plebiszit eindeutig beschlossen, die Dinge, die sich in der Kiste befinden, zu zerstören, nicht wahr?< stellte Ulja fest und konnte sich noch deutlich daran erinnern, wie überrascht er über das Ergebnis war.
>Richtig!< Relaja war fast immer etwas einsilbig, fügte dann aber, nachdem sie das 3. Untergeschoss hinter sich gelassen hatten, hinzu:
>Aber ich glaube, wir können den Verfassern der Nachricht vertrauen<.
Es war kalt im Fahrstuhl und Ulja bekam wieder weiße Finger mit anschließendem Taubheitsgefühl. Eine sehr unangenehme Erkrankung der Blutgefäße in den Extremitäten. Das war gerade in der Polregion nicht von Vorteil; er würde nachher etwas Sport treiben auf dem Fitnesstrainer, dann ginge es wieder besser, dachte Ulja, als der Fahrstuhl endlich mit einem deutlich vernehmbaren Ruckeln zum Stillstand kam. Sie öffneten die Tür und betraten einen Korridor, der sie in einen der abseitigen Räume führte, der auch als Lager für die Kiste mit der sicherheitsrelevanten Fracht diente. Relaja öffnete die Tür des Raumes, schaltete das Licht ein und: Der Raum war leer!
>Der Notschalter, wo ist der verdammte Notschalter?< brüllte Relaja.
Ulja erschrak sichtlich und trat einen Schritt zurück. So hatte er seine Kollegin noch nicht erlebt.
>Wo ist der verdammte Schalter?< setzte sie nach.
>Hier, hier...< Ulja hatte den roten Hebel in der grauen Wand entdeckt, scheute sich aber, ihn zu betätigen. Relaja trat zu ihm und drückte den Hebel nach unten und sofort ging unüberhörbar eine oder mehrere Sirenen los, die durch durch das gesamte Gebäude dröhnten.
>Warum hast du das getan?< wollte Ulja wissen >Die Hebel sind nur zu betätigen im absoluten Notfall, bei Brand oder so, aber das hier, eine Kiste, die fehlt...was soll das?< Ulja war völlig entnervt wegen Relajas Verhalten.
>Was ist los bei euch da unten?< krächzte eine Stimme durch einen unscheinbaren Lautsprecher, der sich neben dem Schalter befand.
>Setzt endlich eure Ärsche in Bewegung da oben, die Kiste mit den Multiversern in Raum 3b ist weg!< schnauzte Relaja ihren Kollegen Raf an, der wahrscheinlich wieder vor der Glotze lag und Betäubungsmittel intus hatte.
>Was ist los?< kam es prompt zurück >sagtest du „in 3b“?<
>Ja, wir sind unten auf -5 im Raum 3b! Wo ist die verdammte Kiste?<
>Stell endlich den Lärm ab und beruhige dich da unten. Die Kiste steht im Raum rechts daneben, 3b2< Raf wiederholte >Die Kiste steht in 3b2!<.
Die zwei Leute setzten sich in Bewegung, um den Raum daneben zu öffnen und tatsächlich: Da stand sie, eine völlig unscheinbare Kiste aus Kunststoff, grau, wie die Wände rund herum, grau wie alles in und um dem Gebäude. Die wirklichen Farben waren die, die man in Erinnerung hatte, die man in seinem Herzen trug, dachte Relaja, wie damals die leuchtend orangenen Farbtupfer auf den Hügeln von Auroville.
>Alles gut!< stieß Relaja erleichtert hervor, als sie endlich den Inhalt der Kiste erspähte. Sie enthielten tatsächlich genau zwanzig Multiverser, eine terranische Waffe und vier Rucksäcke. Ulja schaltete den Alarm aus und eine unglaubliche Ruhe tauchte alles in eine völlig gespenstische Szene. Relaja brauchte eine Zeit, um sich wieder zu sammeln. Sie war sich sicher, sie musste bei der nächsten Gelegenheit für eine Ablösung sorgen, in ihr Dorf zurückkehren zu ihren Freunden und Verwandten. Auf Dauer war das nichts für sie auf der Station. Ulja schien ihre Gedanken zu lesen und legte eine Hand auf ihre Schulter: >Mach mal Urlaub Kollegin! Wir schaffen das schon hier. Alles in Ordnung!<.



Gondvira hatte am Abend vor unserer Abreise auf die Erde erneut alle zusammengerufen, um uns unter anderem über die aktuelle politische Lage in Auroville zu unterrichten. Während wir im Projektionsraum des Observatoriums zusammensaßen, landete ein Flieger auf dem Airport von Katenam und „spuckte“ die ersten 12 internierten „Verräter der Anarchie“ aus den Laderaum der Maschine hinaus auf das staubige Flugfeld. Valdur, Tom und ein paar bewaffnete Sicherheitsleute, die speziell für diese Situation rekrutiert wurden, eskortierten die Gefangenen in ihre Baracken. Es war beschlossen worden, dass diese Personen keinesfalls mehr in Kontakt treten dürften mit der Bevölkerung, um eine weitere Ausdehnung der „materialistischen Gier“ und der Subversion auf Anderran zu verhindern.
>Dein Begleiter Tom hat nun – ebenso wie sein Freund Dennis – beschlossen, auf Anderran zu bleiben< begann Gondvira zu sprechen und ich war wie vom Blitz getroffen.
Hatte ich mich doch vollkommen darauf verlassen, dass mein alter Ego mit nach Kreta reisen würde, so käme dies jetzt einer völligen Neubewertung der Situation gleich. Ich war fast bereit, in den Sack zu hauen und hinzuwerfen. Eigentlich wollte ich nur noch nach Hause an meinen Schreibtisch und völlig harmlose Abhandlungen schreiben über irgendein beliebiges triviales Thema. Ich hatte die Schnauze voll!
>Wieso das?< wollte ich von Gondvira wissen.
>Weil euer Begleiter Tom die besten beruflichen Referenzen besitzt, kann er uns in Auroville beim Austrocknen des Terroristen Sumpfes helfen. Es ist übrigens nicht meine Entscheidung, um das ganz klar zu sagen. Die Idee und der Beschluss ist das Ergebnis eines Plenums innerhalb der Anarchistischen Plattform. Während wir hier reden, ist Tom bereits am Flughafen im Einsatz<.
Ich war wirklich über alle Maßen bekümmert. Lira hatte das natürlich sofort bemerkt, konnte die Situation aber aufgrund der fehlenden Informationen nicht genau einordnen. Ich klärte sie über mein Verhältnis zu Tom auf, wobei ich eben auch nicht ausließ, wie sehr ich Toms Eigenschaften in Sachen Kaltschnäuzigkeit und Nervenstärke schätzte. Er würde uns auf Kreta enorm fehlen, soviel war klar.
>Wir haben inzwischen auch den Multiverser erhalten< setzte Gondvira ihre Ansprache fort >Technisch steht eurer Reise jetzt nichts mehr im Weg. Allerdings ist da ein Problem aufgetreten mit einem Gepäckstück, was auch per Rohrpost hier eingetroffen ist<.
Ich wurde hellhörig bei dem Wort Gepäck und auch André, der neben mir saß, wurde ziemlich unruhig. Gondvira fuhr fort:
>In einem der Rucksäcke befindet sich eine schlafende Kreatur, die wir überhaupt nicht einordnen können und haben dieses seltsame Tier in eines unserer leeren Ställe gelegt. Vielleicht sollte gleich jemand mal dort hingehen von euch Terranern; mich dünkt, ihr habt das Biest von der Erde hier eingeschleppt<. War sie jetzt sauer auf uns oder einfach nur ironisch, ich wusste es nicht.
>Trumpy, das ist Trumpy!< rief André unüberhörbar in die Runde, sprang auf und rannte sofort nach draußen, um nach dem Gobiconodon zu schauen. Ein Minisaurier aus dem Jura der Erde; wir hatten tatsächlich den Pseudo-Beutelteufel auf einen fremden Planeten gebracht, ohne etwas davon zu wissen!? Vielleicht hatte André doch etwas davon gewusst, es dann aber wieder vergessen im Zuge der sich überschlagenden Ereignisse. Ich wollte das auf jeden Fall herausfinden, denn ich war überhaupt nicht belustigt von diesem Zwischenfall. Darüber hinaus konnte ich gut nachvollziehen, dass man auf diesem Planeten keine Monster aus dem Mesozoikum der Erde haben wollte. Die Anderraner hatten schon genug zu tun mit sich selbst.
Als André nach draußen verschwunden war, rückte Lira einen Platz näher an mich heran, was mir sehr lieb war. Ich genoss ihre Nähe und fühlte mich sofort entspannter nach dem Vorfall mit dem Gobiconodon. >Was ist das für ein Tier?< wollte Lira wissen.
Ich antwortete laut in die Runde hinein, denn es sollte jeder etwas davon haben, empfand ich, wenn wir schon als Tierfänger durch die Zeit reisten, dann sollten es auch alle erfahren.
>Wenn das unser größtes Problem wäre...eine Bisamratte...< meinte Gondvira, um anschließend noch eine wichtige Detailfrage anzusprechen:
>Es geht über den von Ort zu Ort Transport mit den Multiversern. Paul, es wäre schön, wenn du deinen Freund André die folgenden Informationen weitergeben würdest<. Ich bejahte ihren Wunsch natürlich.
>Ihr seid ja nun schon einige Male erfolgreich durch Raum und Zeit gereist. Normalerweise treten hierbei keine größeren Probleme auf, wenn einmal ein Wurmloch die Reise ermöglicht. Theoretisch sind auch Reisen möglich mittels Multiverser über kürzere Distanz innerhalb eines Raumes, ich betone: theoretisch. Wir sprechen dann vom Ort zu Ort Transport, der vielleicht einmal nötig sein kann, weil es die Lage erfordert. Allerdings besteht bei dieser Form des Transportes die Gefahr, dass eure Muster verloren gehen, weil der Raum für den Transport einfach zu begrenzt ist. Die ungeheure Energiemenge, die den Transport erst möglich macht, kann im Raum dazu führen, dass es zu Fluktuationen kommt. Aber letzten Endes ist es einfach so, dass wir zu wenig verstehen von dieser Technologie, um zu beurteilen, was genau passiert beim Transport und wie er überhaupt generiert wird. Ich empfehle also, den von Ort zu Ort Transport nur im äußersten Notfall einzusetzen, wenn Leib und Leben auf dem Spiel stehen!< Gondvira endete und sie schien froh zu sein, diese letzte Sache angesprochen zu haben. Sie fühlte sich dazu verpflichtet dies zu tun und ich war froh, dass sie uns die Informationen nicht vorenthalten hatte. Allerdings stand ja auch unter Umständen die Existenz des Multiversums auf dem Spiel. Ein kleiner Bedienungsfehler an einem unscheinbar grauen Metallkasten und: Ups! Quelle malheur! Das Multiversum war einmal!

Am späten Abend hatten wir noch einmal die Gelegenheit auf einer gemeinsamen Feier im umgebauten Projektionsraum beieinander zu sitzen und uns auszutauschen. Der Saal war bunt geschmückt und aus aus den Lautsprechern klang Musik, die mich an irdischen Blues-Rock erinnerte. Wer wollte, konnte berauschende Getränke zu sich nehmen, was für mich nicht in Frage kam. Ich war nicht seit über drei Jahren abstinent, um auf dem Planeten einer fernen Galaxie wieder mit dem Saufen anzufangen und so hielt ich mich an frisch gepresste Säfte aus biologisch dynamischem Landbau.
Auch Tom und Valdur waren zugegen, die ich fast nicht erkannt hätte, denn im Saal herrschten die typischen Lichtverhältnisse einer Discothek oder Bar, wie ich sie schon von der Erde her kannte, also eher ein diffuses Dämmerlicht, welches hin und wieder von Lichtblitzen und Farbstrahlern erhellt wurde. Auf einigen Tischen standen Kerzen, so auch an unserem, wo ich mit Lira und André saß. Ich winkte Tom und auch Dennis herbei, die an unseren Tisch herantraten. Wir saßen in einer Nische, in der es etwas leiser war. Sie setzten sich beide und wir begannen eine recht offene und lebendige Konversation. Tatsächlich hatte Tom sich von seiner Absicht, mit nach Kreta zu reisen, verabschiedet, weil die Herausforderungen auf Anderran eher seinen Wünschen und Vorstellungen, beruflich wie privat, entsprachen. Das Gleiche traf auch für Dennis zu, der sich sichtlich freute, eine Aufgabe zu übernehmen, die sich ihm nie und nimmer auf der Erde in dieser Form dargeboten hätte: Kulturbeauftragter von Terra! Dass er von der Erde kein Mandat hierfür hatte, wen interessierte das schon?! Die Anarchisten waren zufrieden und Dennis sowieso.
>Wollen wir hoffen, dass wir nicht wieder abgeführt werden< begann Tom das Gespräch in Anspielung auf unseren kurzen Aufenthalt in der Bibliothek von Auroville. Unser Lachen war ein eher bitteres, denn immerhin war von den Subversiven befohlen worden, uns aus dem Flugzeug zu werfen, also uns zu ermorden. In Anbetracht der sich zuspitzenden Situation auf Anderran, empfand ich Toms Entscheidung nicht ganz nachvollziehbar.
>Ich weiß um die Gefahr und habe auch von den rassistischen Demonstrationen gehört< meinte Tom. Er hatte ziemlich detaillierte Informationen von Valdur erhalten, der wiederum von Lesalee und Torolei gebeten wurde, mit Tom zusammen nach Auroville zu fliegen. Weitere Instruktionen würden sie dort erhalten. Tom sollte in die Gruppe um Malekko eingeschleust werden, ebenso Valdur, nachdem er entsprechend ein „Facelifting“ erhalten würde, denn Malekko kannte Valdur aus seiner Zeit beim Ethikrat. Ein Auffliegen in der Organisation „Das Netzwerk“ hätte sicherlich sehr unangenehme Folgen, was stark untertrieben scheint in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Welt der Anderraner faktisch in einem Bürgerkrieg befand.
>Deine Entscheidung, nach Kreta zu gehen, ist aber auch nicht ganz ohne< erwiderte Tom auf meine geäußerte Skepsis bezüglich seiner Entscheidung, eine aktive Rolle im Kampf der Anderraner zu spielen.
>Da hast du Recht und ehrlich gesagt, mir wäre wohler, du wärst mit gekommen ins Land der Minoer< meine Äußerung entsprach absolut meinem Empfinden.
>Wenn ich so überlege: Du bist ich, ich bin du, da reicht es doch, wenn einer von uns sich auf die Mission begibt< so wie Tom das sah, hatte ich das bisher noch nicht gesehen.
>Hast Recht, Tom, vielleicht steckt ja auch in mir ein kleiner Schnüffler< meinte ich, inzwischen etwas vergnügter.
>Ganz bestimmt<
André, Dennis und Lira sprachen während meiner Unterhaltung mit Tom über deren weitere Pläne, Befürchtungen, aber auch Hoffnungen und Zuversicht, was den Erfolg aller Aufgaben anbelangte. >Schade, dass ich mein Piano nicht hier habe< meinte André und Dennis pflichtete ihm bei. >Apropos: Schau!< Lira zeigte auf einen entfernten Gang am Ende des Raumes >Wenn es das ist, was ich glaube, dann findet ihr ein solches Musikinstrument da hinten< Dennis und André machten sich sofort daran, das anderranische Klavier zu suchen. Wenig später kamen Orestes und Gondvira an unseren Tisch. Orestes überreichte mir einen Zettel, der noch einige historische Hintergrundinformationen enthielt zum Jahr 1626 v. Chr.:
Das 17. Jahrhundert vor Christi Geburt. Da wurden die Hethiter erwähnt, die ich beispielsweise überhaupt nicht auf der Agenda hatte. Die Hattier, wie sie eigentlich genannt wurden, bildeten um 1700 in Ost-Anatolien ihr Großreich aus, mit der Hauptstadt Hattusa. Und dann war da noch die ägyptische Krise, ausgelöst durch das Volk der Hyksos, die erstmals Streitwagen vor ihre Pferde spannten und so die Ägypter im Bereich des Nildeltas vernichtend geschlagen hatten. Die Hyksos waren ein Volk mit asiatischen, syrischen und semitischen Wurzeln, okkupierten Unter-Ägypten und gründeten die Hauptstadt Auaris im östlichen Nildelta. Im Laufe der mehr als 100 jährigen Herrschaft übernahmen sie den Großteil der ägyptischen Kultur, inklusive der Götterwelt mit Re, Seth und Sobek und assimilierten sich vollends. Wie immer ging es auch bei diesen Auseinandersetzungen um Macht, Besitz und Einfluss. Wenn es die Politik erforderlich machte, war es durchaus opportun, einen Teil der Götterwelt der ehemaligen Feinde in den eigenen Olymp mit aufzunehmen. Das geschah bei den Hyksos genauso, wie später bei den Römern, wo beispielsweise aus dem griechischen Kriegsgott Ares der römische Gott Mars wurde.
>Inwieweit hat das die Minoer betroffen?< wollte ich von Orestes wissen. Ich, ein Terraner, fragte einen Außerirdischen nach geschichtlichen Zusammenhängen auf der Erde! Für einen Moment lang konnte ich es kaum fassen und bekam die Antwort von Orestes gar nicht mit. Lira ergänzte später die Worte von Orestes: Die Minoer seien eine Handelsmacht zur See gewesen, die Hyksos hingegen eine Landstreitmacht mit Königtum. Mit dem Volk der Hethiter hätte es sich ähnlich verhalten und so seien die Minoer aufgrund ihrer geografischen Lage gar nicht in Konflikt geraten mit Hethitern und Hyksos bzw. den Ägyptern. Ich konnte mir das ganz gut vorstellen. Darüber hinaus war man als Handelsnation natürlich daran interessiert, ein gutes Verhältnis zu seinen ausländischen Nachbarn zu haben. Historisch nachweisbar waren tatsächlich fürstliche Gastgeschenke, die von Kreta aus an die Höfe in der Levante (Libanon), in Ägypten und die Länder an Euphrat und Tigris gingen.
Lira hatte mir gezeigt, wie ich selber die Datenbanken der Anderraner nutzen konnte und so war ich unter anderem an Informationen über den Schiffbau der Minoer gekommen. In diesem Zusammenhang wurde mir klar, wie schamlos sich die Anderraner der Geschichte der Erde bedienten. Ortas hatte vom „voyeuristischen Prinzip“ gesprochen und kritisierte damit die Tatsache, dass man ohne Wissen der Erdbewohner, sich über ihr Leben, ihre Geschichte, ihre Religionen und sogar ihr intimes Privatleben kundig machte. Das war eigentlich nichts anderes als perfide Spionage! Sollten diese Dinge einmal auf der Erde bekannt werden, so käme das einem globalen, ja intergalaktischen, Skandal gleich und zwar mit ungeahnten Folgen. Ich mochte mir das gar nicht ausmalen. Ich sprach auch mit Lira über meine Gedanken und auch meine Kritik am Verhalten der Anderraner.
Lira meinte, sie hätte nie eine Reise auf die Erde unternommen, weil sie ähnlich wie Torolei empfand, die eine erklärte Gegnerin der Technologie der unbekannten Aliens war. Aber nun wolle sie mit nach Kreta, um das erste Artefakt eines Multiversers auf der Erde aufzuspüren.
>Ihr geht da rein in den Palast von Knossos und kommt mit dem Multiverser wieder raus – das ist eigentlich alles!< hatte Gondvira gesagt. Anschließend würden wir mit dem Gerät zurück nach Anderran kommen, wo die komplette Technologie dann vernichtet würde.
Schließlich und endlich würden alle hoffen, dass die Anomalien, die in Verbindung gebracht wurden mit der Multiverser Technologie, ein Ende nehmen. Keiner hatte bisher gefragt oder irgend etwas gesagt, was aus meinen Begleitern von der Erde und auch mir werden würde. Auch das empfand ich inzwischen etwas despektierlich. Aber was wollte ich selber eigentlich? Das war die große Frage, die mich den Rest des Abends umtrieb. Als ich mit Lira in meinem Zimmer auf dem Bett lag – André weilte draußen bei seinem Gobiconodon – glaubte ich die Antwort zu wissen. In mir wuchs sogar der Wunsch, ein Kind haben zu wollen mit Lira, es wäre höchstwahrscheinlich der erste Sapiens, hervorgegangen aus einer intergalaktischen Beziehung. Ich fühlte mich wohl bei dem Gedanken, ja - sogar glücklich, und so schlief ich ein.



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